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24.2.02
Rache der rüstigen Rentner
("Ey Click!" - Der unregelmäßige Surftipp. Unerwartet neu.)

In meine wildesten Träume verfolgen sie mich, die mit Krückstöcken bewaffneten Senioren, welche drittezähnefletschend nach Rache zetern. Mit weit aufgerissenen Augen humpeln sie mir hinterher, so schnell wie es eben geht. Und allein aus dem Grund, dass sie vergreist sind und ich fast noch nach Babypopo rieche, wollen sie mich windelweich prügeln. Doch irgendwie ist es ja auch verständlich: Ich erinnere sie nun einmal daran, dass sie vor mehreren Jahrzehnten auch noch ein Leben hatten, anstatt wie jetzt fast seelenlos dahinzuvegetieren und zu beobachten, wie ihre Haut immer weiter zusammenschrumpelt.

Und zum Glück wache ich am nächsten Morgen schweißgebadet auf, um festzustellen, dass das alles nur ein böser Traum war. Dass in meinem Schlafzimmer kein rachsüchtiger Rentner mit Krückstock steht und mich verdreschen will. Dass meine Haut noch herrlich zart ist und ich mich während meines Schönheitsschlafs auch nicht in eine schrumpelige Schabracke verwandelt habe.

Sollen sie sich doch lieber gegenseitig verprügeln anstatt sich junges Gemüse wie mich zu schnappen und zu schlagen und zu treten. Immer feste drauf auf die neunzigjährige Gegnerin! Die seit Weltkrieg Nummer Zwo aufgestauten Aggressionen herauslassen. Und alles ist erlaubt, da dürfen dann auch die Strickutensilien zweckentfremdet werden, da darf der Regenschirm als Knüppel dienen, und auch die Tuba bläst ganz andere Töne als sonst üblich.

"Rest Home Fighter" - das lustige Spiel für quietschfidele Steinzeitzeugen und solche, die es werden wollen.

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19.2.02
Schnüffelstückglück
("Ey Welt!" - Die wöchentliche Kolumne. Alle gefühlten sieben Tage neu.)

Japaner schnuppern gerne an gebrauchten Unterhöschen. Nicht, dass das etwas Neues wäre – unsere kleinen, gelben Freunde sind schon immer ein merkwürdiges Völkchen gewesen. Doch es soll nun nicht um Japaner und ihre sexuellen Vorlieben gehen, viel eher geht es wieder einmal um mich. Ich schnüffle zwar nicht an getragenen Frauenslips und Japaner bin ich genauso wenig, doch die Parallelen sind deutlich sichtbar.

Antiquariate sind toll. Was man dort alles finden kann, wenn man nur lang genug sucht! Alte, vergilbte Fotos aus Urururgroßmutters Zeiten. Steinzeitliche Möbelstücke, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie in ihrem Leben schon viel erlebt haben und beileibe nicht viel mehr erleben wollen beziehungsweise können – bald schon werden sie in sich zusammenfallen, und einzig und allein eine gigantische Staubwolke wird von ihnen übrig bleiben. Das Allerschönste an Antiquariaten ist jedoch der Geruch alter Bücher. Das süßlich-vergilbte Kribbeln in der Nase, wenn man an ihnen schnuppert. Herrlich!

Ich gestehe: Ich rieche wirklich und wahrhaftig gerne an alten Büchern und Papier im Allgemeinen. Die alten Nachkriegszeit-Taschenbücher! Wer seine Nase einmal in diese Lektüre vergraben hat, der wird nicht wieder zwischen den Buchdeckeln hervorkrabbeln wollen. Was interessiert schon, was in den Asbach-Uralt-Werken geschrieben steht, wenn der Geruch jedem süßlichen Deodorant das Wasser reichen kann.

Und der Unterschied zwischen Alt und Neu ist leicht nachvollziehbar: Zum Vergleich rieche man zuerst an der heutigen Ausgabe der Tageszeitung und dann an einem alten, zerlesenen Buch. Die Zeitung riecht nach Fabrik und Plastik, das Buch aus der weit entfernt zurückliegenden Zeitepoche riecht nach vergessenen Augenblicken, nach einer bewegten Vergangenheit und nach dem Mysterium des Vergessenen. Welche Menschen dieses Buch wohl schon in den Händen gehalten haben mögen? Was werden sie erlebt haben? Und waren sie glücklich? Wie sah ihr Alltag in ihrer vorsintflutlichen Steinzeitwelt ohne Mikrowelle, DVD-Player und Kabelfernsehen aus?

Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter, und ich zucke erschrocken zusammen. „Walum liechen Sie an Bücheln?“, fragt mich ein vier Köpfe kleinerer Japaner und winkt mir mit einem roten Frauenslip zu. „Das ist viel bessel“, will er mir einreden, „viel, viel bessel als Büchel sind Flauenuntelhöschen!“ Ich sehe den Schlitzäugigen voller Verachtung an und drücke ihm ein vergilbtes Buch mit integriertem Wohlfühlgeruch in die Hand. „Stimmt überhaupt nicht. Hier! Riechen Sie mal.“ Und so stehen wir beide, der überzeugte Japaner und ich, noch mehrere Stunden in dem Antiquariat und diskutieren darüber, ob die Erstausgabe von Franz Kafkas „Amerika“ besser riecht als eine leicht lädierte Gutenbergbibel, ob „Krieg und Frieden“ angenehmer in der Nase juckt als „Krieg der Welten“ und ob Kants „Kritik der reinen Vernunft“ ein anspruchsvolleres Riechvergnügen bietet als Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“.

Ich nehme noch einen letzten Zug aus der Zeitmaschine in Form eines Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Taschenbuchs, dann schließt das Antiquariat, und ich falle zurück in die Gegenwart. Der Japaner und ich gehen getrennte Wege, aber für morgen haben wir uns wieder verabredet. Es gibt noch soviel Unentdecktes zu erschnuppern, das wird eine wahrhaft gehörige Riechorgie morgen.

Hier in der Gegenwart stinkt alles nach Plastik! Nach Künstlichem! Nach modernem Mief! Nichts kann vergilbtem Papier das Wasser reichen. Nichts! Nicht einmal der Geruch getragener Slips. Meinen neu gefundenen Freund, den Japaner, hatte ich jedenfalls ohne großartige Probleme missionieren können. „Nie wiedel Flauenuntelhöschen“, hat er mir hoch und heilig versprochen, „nie, nie wiedel.“

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10.2.02
Blumen. Und der Mensch glüht aus.
("Ey Click!" - Der unregelmäßige Surftipp. Unerwartet neu.)

Achtung, Achtung. Eine wichtige Durchsage. Bald ist Valentinstag. Valentinstag! Und noch einmal zum Mitschreiben: Va-len-tins-tag!

Strunzköpfige Konsumkakerlaken werden wie jedes Jahr halb hypnotisiert in den nächsten Blumenladen tapern und wasweißich wieviel Geld für einen völlig überteuerten Blumenstrauß hinlegen, der am nächsten Tag sowieso vertrocknet sein wird. Und weshalb das alles?

Ja, warum eigentlich dieser ganze Aufstand? Weil die Blumenindustrie es nun einmal so will. Weil findige Werbewichte so kreativ waren und sich einen Feiertag ausgedacht haben. Und weil es sich ganz einfach doof angehört hätte, den Tag den Ich-kaufe-einen-riesigen-Blumenstrauß-damit-es-der-Blumenindustrie-gut-geht-Tag zu nennen, nannten sie ihn kurz und knackig Valentinstag. Und jetzt geht gefälligst Blumen kaufen, ihr Frisch- und Langzeitverliebten! Tut was für die Wirtschaft.

Ich jedenfalls werde meiner Freundin keine Blumen kaufen und sie mir doch hoffentlich auch nicht. Zu irgendeinem anderen Tag schon, aber bitte bloß nicht zum Valentinstag! Nur, weil mir die Werbung vorschreiben will, was ich wann zu essen, hören, sehen, kaufen habe, muss ich es schließlich noch lange nicht machen.

Schon einmal habe ich mich geoutet, dass ich die "Happy Tree Friends" trotz Geschmacksneutralität lustig finde. Und natürlich feiern die quietschig-bunten Knuddelviecher den hassenswerten Valentinstag auch. Und wahrscheinlich wird das beschenkte Bärchen diesen Firlefanzfeiertag verfluchen, aber natürlich nur, wenn es die Geschenke überleben sollte. Doch was kann an Blumen, einem Brief oder einem Amorkostüm schon gefährlich sein?

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5.2.02
Kaltschnäuzige Hundekunde
("Ey Welt!" - Die wöchentliche Kolumne. Egomanieergonomisch getestet.)

Dackeldame Susi ist der Grund für eine meiner größten Neurose, denn Dackeldame Susi war der erste Hund, der mir in meinem Leben negativ aufgefallen ist. Und nach ihr kamen noch viele andere Köter, die einen schlechten Eindruck auf mich hinterließen.

Hunde beißen. Hunde scheißen. Und außerdem sind Hunde aggressive, menschenhassende Monster, die nur auf eine günstige Gelegenheit warten, um ihr Herrchen oder ihr Frauchen tief in die Haut beißen zu können. Ihre Taktik ist immer dieselbe: Zunächst geben sie vor, plüschige, kuschelige und niedlich-putzige Kerlchen zu sein, aber dann! Dann öffnen sie ihr stinkendes Maul, fahren ihre Beißerchen meterweit heraus, und sahen die Zähne vorher nicht viel winziger aus? Waren sie nicht eine Nummer kleiner? Und waren die Zähne nicht auch viel plüschiger, kuscheliger und niedlich-putziger als jetzt, während ihrer einzig wahren Mission? Jetzt, wo sie aus dem mikroskopisch winzigen Hund herausragen, sind sie wolkenkratzerhoch, wenn nicht sogar noch höher. Und die Zähne beißen sich mit einem riesigen Haps in den doch eigentlich so geliebten Hundebesitzerkörper hinein. Und schlimmer noch! Viel öfter beißen die Bestien in Menschen hinein, die sie überhaupt nicht kennen. Denn Fremde, so hat es sich zumindest zwischen den Plappermaulhunden herumgesprochen, sollen schließlich besonders gut schmecken.

Als mein Bruder noch kleiner war, haben meine Eltern ihn bei einer Bekannten abgegeben, die ihn behüten und betuddeln sollte, während Mami und Papi ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen konnten. Das alles wäre schön und gut gewesen, wenn diese Bekannte nicht auch dieses widerwärtige Haustier beherbergt hätte. Noch heute bekomme ich Alpträume, wenn ich an Dackeldame Susi denke, diesen Prototyp des tierischen Tötungskommandos.

Alles ist ganz genauso wie immer. Mein Vater will meinen Bruder von der hilfsbereiten Bekannten abholen, und wie immer huscht Dackeldame Susi um unsere Füße. Weiß der Teufel, was mich dazu hingerissen hatte, dorthin mitzukommen, wusste ich doch von der Existenz dieses abscheulichen Tiers. Und nicht nur die Bekannte passte auf meinen Bruder auf, auch Dackeldame Susi hatte ihn ins Herz geschlossen. Und weil Hunde eh nur vom Instinkt gesteuert sind, kam bei ihr der Beschützerinstinkt durch. Dass meinem Bruder nur ja nichts geschieht! Aufpassen! Und allen Feinden nur ja ins Bein beißen. Oder in den Arm! Oder sonstwo hin.

Und in den Arm biss Dackeldame Susi letztendlich meinen Vater, und ihr Gebiss ragte weit aus ihrem mikroskopisch-winzigen Dackelkörper heraus, wuchs wolkenkratzerhoch an und grub sich tief in die Haut meines Vaters. Der will dem Kind schließlich was Böses! Der will es schlagen! Muss das Kind beschützen. Muss den bösen, fremden Mann beißen. Beißen, dachte Dackeldame Susi immer wieder, muss beißen. Beißen. Beißen!

Und eigentlich wollte mein Vater meinem Bruder nur ein wenig Dreck aus dem Gesicht wischen, doch das hatte die Bestie nicht wahrhaben wollen. Muss beißen, dachte die Killermaschine immer wieder, beißen, beißen, beißen. Und natürlich auch beschützen.

Mein Vater musste mehrere Wochen lang einen Verband um den Arm tragen, und ich habe wegen eben dieser Begebenheit einen seelischen Knacks abbekommen: Egal, wie groß die Hunde sein mögen, die ich auf den Gehwegen dieser Stadt sehe und die mir auf den Pelz rücken - ich bekomme Angst. „Die tun nichts“, sagen die Besitzer dann meistens, wenn sie sehen, wie ich käsebleich und zittrig werde und versuche, um den Chihuahua oder den Zwergpinscher einen großen Bogen zu machen. Dem jedoch kann ich kaum Glauben schenken. Fremde, denke ich in solch einem Moment immer wieder, sollen schließlich besonders gut schmecken.

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