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25.6.02
Gottes Ford in deinen Ohren
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Um die Menschheit zu beschützen.)

Folgender Brief bewirkte Wunder:

Sehr geehrter Gott,

hiermit mache ich mein gesetzliches Recht auf Schadensersatz geltend und bitte um Entschädigung für

- 1 Computer
- 1 Videorekorder
- 1 Telefon
- 1 DSL-Modem.

Da Ihre höhere Gewalt diese Besitzgegenstände von mir zerstört hat, bitte ich um Ersatz innerhalb vierzehntägiger Frist und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

eines Ihrer gläubigen Herdenlämmer


Das Gewitter kam immer näher, ich hatte hören können, wie es sich in weiter Ferne zusammengebraut hatte, wie es immer näher herandonnerte, und ich sah, wie es endzeitstimmungsähnlich blitzte, wie grelle Lichter die Welt durchzuckten. Ob das der Untergang des Abendlands war, fragte ich mich für einen kurzen Augenblick, doch dann verdrängte ich das Blitzen und das Donnern und die ungewöhnliche, nachmittägliche Dunkelheit, ich hatte schließlich schon viele Gewitter in meinem Leben miterlebt, und was bitteschön sollte so schlimm an Gewittern sein?

Ich saß an meinem Schreibtisch, starrte auf den Computermonitor und ließ mich von belanglosen Internetseiten einlullen.

Und plötzlich durchflutete ein Lichtblitz das Zimmer. Mein Gesicht wurde hollandkäsigweiß, und ich wusste nicht, wie mir geschah. Ein Blitz! In meinem Zimmer! Sollte er sich in meine Wohnung hereingeschlichen haben, unter der Haustür durchgeschlüpft sein, nur um mir in meinem Zimmer eine Privatvorführung seines Könnens zu präsentieren?

Ein toller Blitz, schon beachtlich, ja, ja, damit könnte er in einem Zirkus auftreten, aber bitte nicht in meinem Zimmer – immerhin hatte er mir damit eine Heidenangst eingejagt. Trotz alledem applaudierte ich, nachdem ich mich wieder gefasst hatte, denn der Blitz hatte nun einmal versucht, mich mit seiner Performance zu unterhalten, das musste gewürdigt werden.

Und in Standing Ovations wäre ich natürlich auch nicht ausgebrochen, wenn ich gewusst hätte, was durch seinen Auftritt alles zerstört wurde. Zunächst hatte er es blitzen lassen, indem er mein DSL-Modem in die Luft gejagt hatte. Dann blitzte der Computer. Dann das Telefon. Der Videorekorder! In der Straße hatte er es in einem Schornstein krachen lassen, welcher in hohem Bogen vom Dach stürzte und direkt auf einem Passat landete. Zum Glück war es nicht mein Auto, sonst hätte es noch teurer für dich werden können, lieber Gott.

Deine höhere Gewalt hat zugeschlagen, und wer, wenn nicht Du, sollte sonst für den entstandenen Schaden aufkommen? Nachdem ich meinen Beschwerdebrief abgeschickt hatte - per Einschreiben versteht sich, denn sicher ist nun einmal sicher - dauerte es nicht lange, und ohne weitere Diskussionen und ohne weiteres Eingreifen meines Anwalts, hast Du mir Ersatz geschickt.

Auf dem Paket stand in großen, geschwungenen Buchstaben „Gott“ als Absender. Ich öffnete es mit schwitzigen Händen und packte den Inhalt leicht erregt aus. Einen „Commodore 64“ mit Datasette. Zum Telefonieren zwei mit Bindfaden verbundene Konservendosen – wer hätte gedacht, dass Gott Humor hätte! Einen Videorekorder zwar, aber dafür einen, der mit dem „Video 2000“-System ausgestattet ist. Und als Modem eines dieser Steinzeitmodelle, das man mit dem Telefon verbinden muss – in meinem Falle muss ich also eine der zerbeulten Konservendosen daran halten.

Doch, lieber Gott, eigentlich müsste ich dir verzeihen, Du warst halt schon immer ein wenig altmodisch. Mein Anwalt wird sich im Laufe der kommenden Wochen bei dir melden, ich hoffe, wir können unseren Zwist trotz alledem außergerichtlich klären.

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17.6.02
Therapie für Tanzteetraumatisierte
("Ey Click!" - Der unregelmäßige Surftipp. Unerwartet neu.)

Das Allerallerschönste, das Füße machen können, ist bekanntlich tanzen. Tanzen! Hach, was ist das schön.

Rammtammtamm. Rammtammtamm. Rammtammtammtamm. Eins. Zwei. Wiege. Schritt.

Schunkeln bis zum Schlaganfall! Schwofen bis zum Schluss.

Die ach so merkwürdige, aber trotz alledem abgekupferte Fernsehsendung "Tanzmarathon" auf dem ach so merkwürdigen Fernsehsender "Neun Live" zeigt, was Dauertanzen mit der menschlichen Psyche anstellen kann: Auch seelisch sind die Kandidaten fix und fertig nach ihrer Auf-dem-Parkett-Herumschleif-Orgie, und aus genau diesem Grund habe ich in meinem Leben schon immer einen großen Bogen um Tanzschulen gemacht - man weiß ja nie!

Womöglich warten die Tanzlehrer nur darauf, dass ich an ihrem Etablissement vorbeischleiche, lauern mir auf, schlagen mich mit einem Baseballschläger besinnungslos, zerren mich in ihre Höhle des Bösen und beginnen, mir erbarmungslos Tanzlektionen zu erteilen. Denn schließlich muss man im Leben immer mit dem Schlimmsten rechnen, und Tanzstunden sind wahrscheinlich das Allerallerschlimmste, das einem im Leben blühen könnte.

Der nette Herr von "watchmedance.com" scheint im Gegensatz zu mir Spaß an Tanz und Trallala zu haben, denn er tanzt und tanzt und tanzt. In seinen Videoclips kann man ihn dabei betrachten, wie er die Arme wild durch die Lüfte schmeißt, mit seinem Körper hin- und herwippt und manchmal, wenn er ganz besonders gut drauf ist, sogar zu den Liedern mitsingt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Tanzen Spaß machen könnte.

Was es sonst noch auf seiner Homepage zu bestaunen gibt? Nichts. Denn was bitteschön sollte es Schöneres geben als Tanzen? Durch meine Hirnwindungen strömen Abertausende Ideen von schöneren Freizeitaktivitäten.

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7.6.02
Spider-Man und seine außergewöhnlichen Freuden
("Ey Welt!" - Die wöchentliche Kolumne. Zur Rettung des Regenwalds.)

Es war mitten in der Nacht, als ich schweißgebadet aus einem meiner finstersten Albträume erwachte. Ein Blick zur anderen Bettseite, doch anstelle meiner Freundin lag eine riesige Spinne dort. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck grinste mir das Insekt entgegen, dann rülpste es, entschuldigte sich aber sofort dafür – es hatte anscheinend entgegen aller Vorurteile Benehmen.

Und hatte es die Spinne wirklich getan? Sollte sie es tatsächlich gewagt haben? Hatte dieses verfressene Vieh meine Freundin als Mitternachtssnack verspeist?

Wovor Frauen sich am meisten fürchten: vor plötzlicher Gewichtszunahme, vorm Altern und eben auch vor harmlosen, kleinen Insekten, die sich das heimische Schlafzimmer als ihr Revier aussuchen.
„Eine Spinne!“, schrie meine Freundin. „Eine Spinne! Im Schlafzimmer! Hier schlafe ich heute Nacht nicht!“
Ich konnte die Aufregung nicht nachvollziehen. „Es ist doch nur eine Spinne“, versuchte ich sie zu beruhigen, „völlig harmlos. Was soll so ein kleines Insekt schon anrichten?“ Wenn ich es doch schon vorher gewusst hätte - ich wäre nicht so unvorsichtig gewesen.
„Mach es tot! Mach es tot!“, schrie meine Freundin. „Mach es verdammt noch mal tot.“

Die Jagdsaison war eröffnet. Ich robbte mich durch das Schlafzimmer, suchte hinter dem Wäschekorb Schutz, visierte das Bett an. Keine Spinne in Sicht! Ich robbte mich näher an das feindlich besetzte Territorium heran, meine Freundin gab mir Rückendeckung. Doch der Feind, die Spinne, ließ sich nicht blicken. Die Minuten verstrichen, eine halbe Stunde war an uns vorbeigerauscht, und mir wurde langweilig.
„Sie ist gestorben“, erklärte ich meiner Freundin, „unter unserem Bett ist sie verhungert.“
„Bestimmt?“, fragte meine Freundin.
„Ganz bestimmt“, antwortete ich, doch ganz so sicher war ich mir nicht.

Und jetzt hatte ich den Ärger! Die Spinne wischte sich mit einer Serviette ihre Mundwinkel ab, bedankte sich bei mir für das delikatiöse Essen, tapste auf ihren acht Spinnenenbeinchen aus dem Schlafzimmer, öffnete die Wohnungstür und betrat den unbeleuchteten Hausflur. Dort, wo eigentlich meine Freundin liegen sollte, lagen 30 Euro – anscheinend war das der Wert, welchen die Spinne für akzeptabel angesehen hatte, Trinkgeld inbegriffen.

Schweißgebadet wache ich aus diesem finstersten aller Albträume auf, und es ist mitten in der Nacht. Ein Blick zur anderen Bettseite beruhigt mich, und ich lächle verliebt in Richtung meiner schlafenden Freundin.

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