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31.7.02
Im Bahne des Bösen
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Jetzt mit neuem Service für ISDN-Surfer: Vollkommen ohne Bilder - der Ladezeiten zuliebe.)

Mit der Bahn zu reisen ist angenehm. Mit der Bahn zu reisen ist komfortabel. Aber manchmal! Manchmal stinkt es ganz gewaltig, mit der Bahn zu reisen.

In letzter Zeit musste ich relativ oft mit der Bahn fahren. Einmal hin, einmal her – von der einen Stadt zur anderen. Und eigentlich mag ich Bahnfahren: Man setzt sich in Punkt A in den Zug, und eine Stunde später ist man in Punkt B angekommen. Und das ist wirklich sehr komfortabel, teuer zwar, aber komfortabel. Und die Landschaft zieht an einem vorbei, die Häuser, die Bäume, die muhenden Kühe. Und was für ein Glück, dass ich in solch einer Einöde nicht aussteigen muss!

Da saß ich also in einem Abteil, las Zeitung, dachte an nichts Böses. Neben mir ein jüngerer Mann, der einfach so an die Wand des Abteils starrte. Er starrte und starrte und starrte. Er las nichts, er lächelte nicht, und wahrscheinlich dachte er nicht einmal an irgend etwas. Gegenüber von mir saß ein Mann, der wichtige Dinge in seinen Laptop zu tippen schien. Und auch der Mann selbst sah wichtig aus, aber sehen Menschen mit Laptops nicht immer so aus? Ich brauchte auch solch einen tragbaren Computer!

Und plötzlich stank es im Abteil, ich konnte es kaum aushalten, wie sehr es roch. Ich starrte den Mann an, der an die Wand des Abteils starrte. Er verzog keine Miene, und er ließ sich wirklich nichts anmerken. Hatte er gepupst? Oder der Laptopmann? Aber der tippte seine Buchstaben nur weiter in den Reiserechner ein. Auf einmal sah er vom Bildschirm auf, rümpfte die Nase und verließ das Abteil. Also doch der Starrer! Ich sah ihn böse an, aber auch das schien ihm nichts auszumachen. Er starrte und starrte und starrte ganz einfach an die Abteilswand. Ich war wütend, weil mir dieser Mensch die eigentlich doch so angenehme Bahnfahrt mit seinen Ausdünstungen vermieste.

Und nach fünf Minuten hörte es zu stinken auf, und ich freute mich, dass ich wieder frische, klimatisierte Luft mit meiner Nase einatmen konnte. Doch das Glück währte nicht lange! Hatte der Kerl etwa schon wieder einen fahren lassen? Widerlich. Wirklich unglaublich widerwärtig. Ob ich es dem Laptopmann gleichtun und genauso wie er das Abteil verlassen sollte? Mein Geruchsempfinden sagte ja, meine ach so große Menschenliebe schrie nein. Denn wie würde sich der Starrer fühlen, wenn ich ihn im Abteil alleine ließe? Verstoßen würde er sich fühlen! Also blieb ich sitzen und ertrug den Gestank, der sich alle paar Minuten zu erneuerten schien.

„Die Fahrkarten, bitte“, sagte der Kontrolleur, als er sich mit seinem gesamten, fetten Fahrkarten-Kontrolleurskörper in das Abteil hineinbeugte. Ich gab ihm meine Fahrkarte, er überprüfte sie, gab sie mir zurück, nickte kurz. Der Starrer starrte den Kontrolleur an und überreichte ihm ebenfalls den Fahrschein. Und wieder begann es, nach Körperausdünstungen zu riechen. Und wieder war es widerlich, und auch der Kontrolleur verzog sein Gesicht.

„Und Sie“, fragte er den Pups, „haben Sie auch eine Fahrkarte?“ Der Pups verneinte – er fuhr schwarz, und Gott sei Dank waren wir gerettet. Am nächsten Bahnhof musste er die Bahn verlassen, eine saftige Strafgebühr hatte er auch noch aufgebrummt bekommen. Er winkte uns mit einem kleinen Fähnchen hinterher, und ich schaute ihn noch einmal mit prüfendem Blick an. So sehen also die Schwarzfahrer von heute aus? Ein schreckliches Pack.

Wenigstens stank es jetzt nicht mehr im Abteil, und der Starrer, der Laptopmann und ich kamen ohne weitere Geruchsbelästigung bei Punkt B an.

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