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27.9.02
Personalkarussel oder Der Mann mit der tiefen Stimme
("Ey Welt!" - Die Kolumne. "Bitte um Beachtung", sagte das Fragezeichen unter dem Bla.)

Neulich ist mir schwindelig geworden, und wenn man mich beleidigen wollte, könnte man es auch als Realitätsverlust bezeichnen. AOL hat Schuld. AOL ist schlecht. Und! AOL ist langsam. Viel zu schneckig-schnarchig. Meine Schwierigkeiten hatten jedoch nichts mit der Lahmarschigkeit des Providers zu tun, sondern vielmehr mit dem Personal - das nämlich war auf einmal mehr als gewöhnungsbedürftig, und es wäre ein wirklich wunderschöner Morgen gewesen, doch AOL hatte mir alles versauen müssen. Alles!

Eigentlich benutze ich kein AOL, denn AOL ist und bleibt schlecht, jedenfalls dann, wenn man mit ISDN surfen muss. Und das musste ich zu meinem Leidwesen, denn ich war traurigerweise nicht zuhause, dort, wo sich meine DSL-Flatrate langweilte, weil niemand sie benutzte. Und vor allen Dingen dieses „Willkommen“ und dieses „Sie haben Post“ nervte mich ganz gewaltig an AOL.

Ich hatte noch keinen Kaffee getrunken, und meine Augen waren noch halb geschlossen. Ich war fast noch in meinem Schlummertraumland, als ich schlagartig wach wurde. Ich loggte mich ins Internet ein. „Willkommen“, hauchte mir eine Männersteimme entgegen. Eine Männerstimme! Nicht die gewohnte, aol-ige Frau, sondern ein vermutlich kettenrauchender, fünfzigjähriger Kneipengänger wünschte mir einen schönen, guten Morgen. „Sie“, grunzte er weiter, suchte nach den Worten, stieß mehrere Ähs und einige Nunjas aus, „haben Post, ja, richtig, Post.“

„Wer bitteschön sind Sie?“, fragte ich verdutzt. „Und wo ist die Frau, die mich sonst immer begrüßt?“ Ein paar Sekunden vergingen, und es wirkte ganz so, als wenn der digitale Mann nachdenken würde. Die Diode an meinem Computer, die anzeigt, wenn auf die Festplatte zugegriffen wird, flackerte wie wild. „Im Urlaub“, sagte der AOL-Mann, „sie ist im Urlaub. Ich bin, äh, nunja,“ – und wieder verfiel er in einige Sekunden Grübeln, „ihre Urlaubsvertretung.“ Kein Wort glaubte ich ihm, und ich glotzte ungläubig auf meinen Monitor. Wenn ich eine Leuchtdiode an meinem Körper hätte, die anzeigte, ob ich nachdachte oder nicht, hätte diese nun auch wie wild geflackert.

„Wollen Sie auch einen Kaffee?“, fragte ich den Mann mit der tiefen Stimme, der für einen der schlechtesten Provider arbeitete – mir fiel ganz einfach nichts Besseres ein, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. „Ja, bitte“, antwortete dieser, „mit Milch und Zucker bitte. Zwei Löffel, wenn es keine Umstände macht.“ Ich ging in die Küche. Ich hatte Kopfschmerzen. Und ich spürte, wie mir die Realität entglitt. Ich setzte zwei Tassen Kaffee auf. Und ich wartete, bis die schwarze Flüssigkeit durch den Filter durchgetröpfelt war. Ich goss den Kaffee in meine Tasse ein und schüttete viel Milch dazu, sodass sich der Kaffee hellgelb verfärbte. Dann die andere Tasse - für den Angestellten von AOL. Ein bisschen Milch, zwei Löffel Zucker, soviel Service musste sein.

Zurück am Computer, und zurück auf meinem Stuhl. „Hier“, sagte ich, „Ihr Kaffee.“ Ich trank einen Schluck aus meiner Tasse und erwartete das Schlimmste. Dass der Mann mit der tiefen Stimme beispielsweise nicht zufrieden mit dem Kaffee sein könnte und mich anschreien würde. „Das soll Kaffee sein?“, könnte er brüllen. „Ist doch viel zu stark! Wollen Sie, dass ich einen Herzinfarkt bekomme? Wollen Sie das damit bezwecken? Wollen Sie das?“ Und dann würde er meine Festplatte mit all meinen wichtigen Dateien löschen.

Doch zum Glück war der Spuk vorbei. „Entschuldigen Sie bitte den Zwischenfall“, erklärte mir die gewohnte Frauenstimme von AOL. „Wir hatten Probleme mit Hackern. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Und übrigens“, klirrte es aus meinen Lautsprechern, „Sie haben Post.“ Der Mann mit der tiefen Stimme belästigte mich nie wieder, und die zweite Tasse Kaffee habe ich dann selbst ausgetrunken. Der AOL-Frau hatte ich den Kaffee auch angeboten, doch sie lehnte dankend ab. Sie trinke nämlich nur Mineralwasser, weil sie gesund leben wolle. Kein Koffein, kein Nikotin, kein Alkohol, nicht einmal ein Bier nach Feierabend.

Eigentlich, sagte sie mir, sei das ungewöhnlich für ihren Job. Die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen seien richtige Drogenwracks, und schlimm sei das, richtig schrecklich. So wolle sie niemals enden, und deswegen bitte keinen Kaffee. „Aber trotzdem vielen Dank“, sagte mir die freundliche Stimme von AOL. Danach legte ich mich ins Bett und schlief, trotz Kaffee, noch mehrere Stunden. Wenn ein Tag schon so anfängt, sollte man ihn schnell wieder beenden - es kann dann nämlich nur noch schlimmer werden.

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13.9.02
Skandal! Kein Kaiserwetter für Kanzler Schröder.
("Ey Aktuell!" - Aktuelle Nachrichten. Ich erschoss den Freitag. Schönes Wochenende garantiert.)

Der Kanzler hat gesprochen, und er hat es gut gemacht – trotz aller Prognosen wird es Gerhard Schröder jedoch schwer haben, wiedergewählt zu werden. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, die mehr auf die Ästhetik achtet als auf das gesprochene Wort. Und das Wetter bestrafte den amtierenden Bundeskanzler mit einer dunklen Wolke, die sich über dem Bundestag breit machte. Oder war es gar Stoiber-Berater Michael Spreng, der mit einer High-Tech-Wetter-Waffe gegen unser aller Kanzler vorging? Gerhard Schröder stand im Schatten, und das wird es dann gewesen sein mit der Wiederwahl.

Doch kommen wir zu wichtigeren Nachrichten: Ende des Jahres erscheint die "Back to the future"-Trilogie mit unglaublich viel Zusatzmaterial auf DVD. Wird Zeit, dass ich mir solch einen Technikklotz, solch einen DVD-Player, zulege. Eine Wettermach-Maschine hätte ich im Übrigen auch ganz gerne. Spreng, bitte melden!

Des Weitern berichtet das anerkannte Nachrichtenmagazin "Men´s Health", dass Sex unter Energiesparlampen aggressiv mache. Das erklärt so einiges. Und Amerikaner sollten sich ruhig etwas mehr bewegen, unter Umständen könnten sie sogar mit Geschlechtsverkehr Kalorien abbauen. Sie werden nämlich immer dicker und älter, bald wird die Welt unter der veramerikanisierten Masse zusammenbrechen. Aber keine Panik! "Tobi hilf mir: Mein Kind wird immer dicker!" heißt es am Freitag, den 20. September 2002 bei Herrn Schlegl. Und gerade, wenn man viel im Sitzen arbeitet, tut Bewegung Not. Otto Schily sollte jedoch ganz besonders darauf achten, wohin er sich bewegt.

Wenigstens fielen schon ein paar amerikanische Bärte ab, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung zur weniger gewichtigen Gewichtsklasse. Die US-Soldaten hatten sich zu rasieren, denn sie sahen einfach viel zu ungepflegt aus. Und das gehört sich nicht für amerikanische Bürgerinnen und Bürger! Sauber und ordentlich müssen sie aussehen, jawohl. "Die beiden Kommandeure sollen sich laut CNN im Laufe der vergangenen Woche darauf geeinigt haben, die Soldaten anzuweisen, zu den 'Uniform- und Pflegestandards' zurückzukehren", heißt es bei "Spiegel Online. "Die Sicherheit der Truppen genieße nach Angaben des Führungskommandos höchste Priorität. Auch wenn die US-Soldaten nun wieder als solche zu erkennen seien, würden die Männer durch die Anordnung nicht gefährdet."

Und vielleicht passiert ja wirklich bald etwas terrormäßig Großes, da sollten die Soldaten in der Tat gekämmt und gestriegelt herumlaufen. Denn schließlich wollen sie mit Sicherheit schon recht gerne, dass sie möglichst vorteilshaft im Fernsehen gesehen werden. Wer an das Schicksal glaubt, wird eh schon zittern, bibbern und sich vor Angst unter dem Schreibtisch verstecken. Am 11. September, dem Tag der Terroranschläge, sind bei der New Yorker Abendlotterie die Zahlen 9-1-1 ermittelt worden - bei dieser Auslosung werden lediglich drei Nummern gezogen. Des Weiteren schloss der US-Börsenindex "Standard & Poors 500 Future" am Dienstag mit 911.00 Punkten ab und wurde am 11. September mit 911 Zählern wieder eröffnet. Möge das Schicksal Erbamen mit uns haben! Und Vorsicht vor grün leuchtenden Mäusen von rechts, denen grün leuchtende Katzen hinterherjagen - denn die bringen Unglück.

"Ein Hochdruckgebiet bestimmt das Wetter in den nächsten Tagen", prophezeit Donnerwetter.de. Am Freitag wird es im "ganzen Land nach Auflösung des Frühnebels heiter oder sonnig. Es bleibt trocken. Werte zwischen 20-22 Grad tagsüber." Solange die CDU/CSU nicht dagegen vorgeht, hört sich das doch nach einem wunderbaren Wochenendwetter an. Und Spreng! Lass gefälligst die Finger von deiner neuesten Errungenschaft, ich will in den nächsten Tagen gefälligst Sonne! Sonne! Sonne! haben, damit das klar ist.

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9.9.02
Rank und krank
("Ey Glotze!" - Die Medienkolumne. Für fünf Tage krankgeschrieben.)

"Und?", fragt Rüdiger seine Frau Rosemarie. "Wieviele Pillen musst du schon schlucken?" Sie hat den Mund voller Tabletten, fast unzählbar, wenn man es nicht genauer wüsste. "Sechsundvierzig Stück", versteht Rüdiger seine Frau, vielleicht hat sie aber auch eine ganz andere Zahl aus sich herausgebrochen, bei solch einem vollen Mund ist es schwer zu beurteilen, was Rosi gelallt hat – und sie hat ein wahrhaft riesiges Maul, es ist geradzu phantastisch. "Ich führe!", freut sich Rüdiger. "Ich habe nämlich zwölf Pillen mehr als du!"

Übung macht den Meister, und deshalb üben Rosemarie und Rüdiger für diese neue, fast unbeschreibliche Realityshow. "'Sick day'", haben sie sich gedacht, "das ist genau das Richtige für uns." Der britische Fernsehsender E4 hat vor, eben diese Geschmacksverdrehung zu produzieren und vermutlich sogar zu senden, wenn niemand sie daran hindert. Drei Männer sollen für zwei Monate zusammen in einem Haus wohnen, und allein das könnte schon schlimm genug sein. Fußballgegröhle, stinkige Socken und Rülpsereien am Vormittag, zusätzlich dazu Bier und Kotzgeräusche aus dem Klo. Das allein jedoch wäre nichts spannend Neues, auch diversen "Big Brother"-Bewohnern sagte man Unreinlichkeiten nach.

Bei "Sick day" ist das Ziel des Spiels, sich krank zu machen – wer sich mit den meisten, nachweisbaren Krankheiten infiziert hat, ist der Gewinner der Unterhaltungssendung. Wie wäre es mit einer furchtbar peinlichen Geschlechtskrankheit? Ein paar Warzen mehr im Gesicht? Husten, Schnupfen, Heiserkeit? Und Läuse! Läuse bringen höchst wahrscheinlich besonders viele Punkte, denn immerhin befallen sie den Körper im Rudel. Und wenn jede Laus einen Punkt wert sein sollte, hätte der Verlauste das Rennen gemacht - wenn er nicht auch seine zwei Kontrahenten anstecken sollte. Dann nämlich würde man von einer klassischen Pattsituation sprechen.

"Es wird den Teilnehmern überlassen, auf welchem Wege sie krank werden wollen, aber sie haben uns vorgeschlagen, im Abwasser zu schnorcheln", erzählte Ray Downing dem britischen Klatschblatt "The Sun". Downing hatte beim Casting zur Schockschwerenotsendung mitgemacht, wollte dann aber aus verständlichen Gründen doch nicht in der Show mitspielen. Ob "Sick day" wirklich produziert wird, ist glücklicherweise noch nicht bestätigt – außerdem zählt "The Sun" nicht unbedingt zu den seriösesten Quellen.

In Russland gibt es im Übrigen sogar Fernsehsendungen, in denen Kandidaten gegeneinander in den Krieg ziehen müssen - und zwar mit echten Waffen. Ein echter Krieg ist das, obwohl Spielshows doch eigentlich aus Lug und Trug bestehen sollten.

"Aber da spielen wir nich mit, oder?", fragt Rosemarie ihren Mann. "Och", erwidert dieser und stellt sich seine Frau in einer Soldatenuniform vor, bewaffnet mit einer meterlangen Panzerfaust. Das dicke Walross mit einer Waffe in den Händen, die sie nicht mal richtig schleppen könnte, grinst Rüdiger. Ja, könnte wirklich lustig werden. "Willste dich da nicht ma bewerben?"

"Aber, aber, aber", stottert Rosemarie, "wieso sollte ich das denn machen?" – "Weil", antwortet Rüdiger und legt seine Füße auf den Wohnzimmertisch, "ich dann endlich ma in Ruhe fernsehen kann, ohne dass mir wer dazwischen quatscht, deswegen."

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2.9.02
... und der Ich-Counter schlägt 17!
("Ey Aktuell!" - Die aktuelle Nachricht. Immer wieder neu.)

Nicht, dass ich etwas gegen den Pop-Journalismus hätte, nein, nein, man kann mich geradezu als einen Fan von ihm bezeichnen. Trotzdem fordere ich die Entkolumnisierung sämtlicher Zeitungen. Tod dem Subjektivismus, dann gibt es auch den verdienten Frieden in den Hütten. Dem "Tagesspiegel" würde ich alle Kolumnen streichen, der "Süddeutschen Zeitung" gehört das "Streiflicht" weggekürzt – aber auf mich hört ja keiner, weil man mich in der Medienbranche kaum bis überhaupt nicht kennt.

Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich lese Tausende dieser scheußlichen Pop-Artikel. Und deswegen werde ich eine Petition zur Versachlichung aufstellen. Ich werde gegen den Ich-Journalismus ankämpfen, gegen literarische Formen in den Medien - denn die gehören in Bücher und nicht in die Zeitung. Und ich weiß, dass die Sachlichkeit siegen wird.

Bislang kam in diesem Text zehn Mal das Wort "Ich" vor, drei Mal "mich". Vier weitere Male wird sich der Ich-Counter erhöhen, sofern meine subjektive Zählweise nicht dazwischen kommt.

Unsinnig, nicht wahr? Genauso unsinnig ist diese gesamte Popjournalismus-Debatte, die durch diverse Feuilletons und Medienseiten kriselt. "Pop music’s not going to die, it just has no direction", heißt es in dem Lied "Action and drama" der Popband "Bis".

Das könnte auch für die vermeintlich populistischen Zeitungsartikel gelten. Denn weshalb sollte man kolumnistische, literarische oder einfach nur gut geschriebene Artikel verbannen? Ich lese furchtbar gerne Kolumnen. Ich verehre Axel Hacke. Und die Kolumne von Juan Moreno in der Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung" ist im Moment eine meiner Lieblingskolumnen.

Popjournalismus wird nicht sterben - ohne richtige Richtung und ohne wirkliche Tendenz ist das auch schwer möglich. Denn wo keine Substanz ist, da wird nun einmal auch nichts wegbröckeln können.

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