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21.11.02
Auf der Flucht
("Ey Click!" - Der unregelmäßige Surftipp. Unerwartet neu.)

Mexikaner tragen komische Hüte. Mexikaner pausieren die meiste Zeit des Tages. Und was weiß ich sonst noch über Mexiko und dessen Bewohner? Nicht besonders viel, aber: "Mexiko ist 1 953 162 Quadratkilometer groß. Der größte Staat Zentralamerikas, auf der Landbrücke zwischen Pazifik und Golf von Mexiko, besteht aus weiten Hochebenen, 4 mächtigen Gebirgsketten und 9330 Kilometer Küste" - und die Nationalhymne hört sich so an.

Doch viele Mexikaner mögen Mexiko nicht und wollen deswegen auswandern. Zuviel Armut! Zuviel Elend! Zuviel Leid! Dann lieber in die USA, obwohl auch dort viel Armut (George W. Bush) herrscht. Und Immigrieren ist nicht lustig, und besonders dann ist es nicht lustig, wenn die Polizei den armen Immigranten jagt.

"El Emigrante" hingegen ist lustig. Mit lustigen Mexikanern. Lustigen Polizeiwagen. Und einer lustigen Immigration. Hui, macht das Spaß - man würde am liebsten jeden Tag auswandern, so lustig ist das.

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18.11.02
Die letzten Wochen des Himmels – Heiterer Schundroman in mehreren Kapiteln
Zweites Kapitel: Der Tag der Rache

Das erste, was Magnus Underway sah, als er erwachte, waren Beine. Drei Beinpaare. Vier. Keine Ahnung, wie viele es waren, aber es waren hässliche Beinpaare in hässlichen Hosen. Eine dreckige, speckige Khakihose. Zwei schwarze Anzughosen, ebenfalls äußerst schmutzig.

Außerdem merkte Underway, dass sein gesamter Rücken feucht war. Nass! Mein Rücken ist nass, dachte er. Und langsam begann auch sein Gehirn, wach zu werden.

Wo bist du?, fragte er sich. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Mein Rücken ist kalt. Und feucht ist er auch. Ich liege auf einer Wiese. Auf einer kalten, feuchten Wiese. Von Beinpaaren umzingelt. Morgentau auf der Wiese. Hat meinen Mantel nass gemacht. Und bekommt man Grasflecken eigentlich leicht aus Stoff heraus? Was Mama wohl sagen wird, wenn ich so nach Hause komme, so dreckig, feucht und ungepflegt?

Underway hob seinen Kopf etwas nach oben. Sonne. Blendet mich. Es ist heller Tag. Als ich das Bewusstsein verloren habe, war es Nacht. Wo ist meine Videokassette? Ich wollte den Abend doch – wollte doch nur – wollte fernsehen. Er blickte auf die zerschlissenen, fast schon auseinandergefallenen Lederschuhen, die direkt vor ihm standen, sah die braune, mit den verschiedensten Flecken versehene Khakihose hoch und ließ seinen Blick über ein eigentlich weißes Hemd streifen, das viele, gelbe Schweißflecken verschönte. Dann sah er ihm in die Augen und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Carver!“, grinste er. „Frank Carver!“

„Ja, schön, nicht wahr? Ist es nicht wunderschön, wenn sich alte Freunde nach langer Zeit wieder treffen?“, zischte dieser hasserfüllt. „Wie lang ist es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben? Es kommt mir fast wie eine Ewigkeit vor.“

„Fünfzehn Jahre“, sagte Underway, „vor fünfzehn Jahren habe ich dich in den Knast gebracht. Und wie ich sehe, haben sie dich entlassen.“

„Zwei Jahre früher. Wegen guter Führung. Ich bin nun einmal ein freundlicher Zeitgenosse.“

Ganz leise, so dass Frank Carver ihn nicht hören konnte, murmelte Underway, dass sie ihn bestimmt nur entlassen hatten, weil die Gefängniswärter und die Knastkumpanen seinen Gestank nicht mehr um sich herum haben wollten. „Das ist schön für dich“, sagte Underway, jetzt wieder laut und deutlich, „aber was habe ich damit zu tun? Weshalb schlägst du mich nieder und legst mich auf eine feuchte Wiese? Wenn meine Mutter die Grasflecken aus meinem Mantel nicht herausbekommt, wirst du die Reinigung bezahlen. Weißt du, wie das aussieht? Grasflecken! Auf meinem Mantel! Widerlich. Pfui. Ekelhaft.“

„Rache!“, schrie Carver. „Rache! Rache! Rache! Ich will mich rächen, weil du mich in den Knast gebracht hast!“

„Rache? Hättest du dir da nicht etwas Schlimmeres einfallen lassen können, als meinen Mantel dreckig zu machen? Es trifft mich zwar schon persönlich, dass du mich auf eine grasig-grüne Wiese gelegt hast – aber für Rache reicht das meines Erachtens nicht aus. Oder findest du, dass es Rache genug ist, meinen Mantel zu ruinieren?“

Underway stand auf, und Carvers zwei Bodyguards sahen ihn dabei angriffsbereit an. Keine falsche Bewegung, konnte er aus ihren Blicken lesen. Keine falsche Bewegung, sonst passiert ein Unglück. Und irgendwie wirkten sie ebenfalls rachsüchtig, dabei hatte Underway ihnen überhaupt nichts getan - zumindest noch nicht.

Frank Carver war wütend, sein Kopf war glutrot angelaufen. „Natürlich nicht“, keifte er, „was interessiert mich dein gottverdammter Mantel?“ Er gab seinen beiden Schlägern die Anweisung, beiseite zu treten und dem Privatdetektiv zu präsentieren, worin die eigentlich Rache bestehen sollte.

„Willkommen bei deinem Tod“, schnaufte Carver, “das ist dein Ende, Underway. Ein paar Meter freier Fall, und dann klatscht du auf dem Boden auf. Ich freue mich schon auf das Geräusch! Fünfzehn Jahre Knast. Fünfzehn Jahre Knast hast du mir eingebrockt! Schau dir die Schlucht an, schau sie dir gefälligst an, nun guck schon.“ Carver zog den Privatdetektiv bis kurz vor den Abgrund und hörte auch dabei nicht mit seinem Herumgekeife auf. „Guck! Guck! Guck! Da wirst du gleich runterstürzen. Fünfzehn Meter! Fünfzehn Meter freier Fall. Das ist meine Rache! Dafür, dass du mir mein Leben versaut hast! Für jedes Jahr, das ich im Knast verbringen musste, ein Meter! Macht fünfzehn Meter, und danach bist du tot. Tot!“

Underway schaute die Schlucht herunter, die sich vor ihm auftat. Fünfzehn Meter ging es in die Tiefe, da mochte Carver Recht haben. Während des Falls würde sein Gehirn drogenähnliche Substanzen entwickeln, was den Schmerz beim Aufprall ein wenig lindern würde. Und irgendwann, ein paar Minuten später, würde er gestorben sein. Hoffentlich tut es nicht ganz so stark weh, wie ich es mir gerade ausmale, dachte sich Underway. Er hasste Schmerzen, und selbst, wenn er sich nur beim Rasieren schnitt, jammerte er ein paar Minuten vor sich hin, weil ihm selbst das ungeheuerlich wehtat.

„Oh“, sagte der Privatdetektiv, und eigentlich wirkte er recht unbeeindruckt. Zumindest versuchte er zu verbergen, wie angespannt er wirklich war. „Könnte ich dann bitte noch eine letzte Zigarette rauchen, bevor ich sterbe? Eine allerletzte Zigarette?“ Carver sah ihn eiskalt an. „In Ordnung“, antwortete der vermeintliche Killer, „das wird dann wohl die erste und letzte Zigarette deines jämmerlichen Daseins sein, die dein Leben verlängern wird anstatt es zu verkürzen. Die paar Minuten kann ich dann auch noch auf deinen Tod warten.“

Eine Fliege flog die fünfzehn Meter hohe Schlucht im Sturzflug herunter, um kurz vor dem Boden wieder in die Höhe zu preschen. Magnus Underway würde jedoch für immer dort unten liegen bleiben, es würde kein Weg mehr nach oben in die Höhe führen. Irgendwann würden ihn die Aasgeier auffressen, so war nun einmal der Lauf der Welt.

Fortsetzung folgt ...

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12.11.02
Die letzten Wochen des Himmels – Heiterer Schundroman in mehreren Kapiteln
Erstes Kapitel: Ärger mit dem Apostroph

„Pauls Erotik-Shop“ hieß vor kurzem noch geringfügig anders. Vermutlich hatte ein sexbesessener Germanistikprofessor den Ladenbesitzer auf den groben, sprachlichen Fehler aufmerksam gemacht, und Paul, den gute Freunde auch Pornopaul nennen dürfen, hatte das falsch gesetzte Apostroph hinter seinem Namen schuldbewusst entfernt.

Beim nächsten Besuch würde der Germanistikprofessor wohl noch den Anglizismus beklagen, doch danach würde höchstwahrscheinlich nichts mehr auszusetzen sein.

Magnus Underway verließ das Etablissement, das mit Sprachproblemen nur so übersäht war. Sein brauner Mantel wehte ihm um die Beine, den Hut hatte er tief ins Gesicht geschoben. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund, zündete sie an, hauchte eine qualmige Wolke in den Nachthimmel.

Was gibt es Schöneres, als einen Abend mit gepflegter Erwachsenenunterhaltung zu verbringen? Pornopaul hatte ihm den Film empfohlen und zurückgelegt, immerhin war Underway einer seiner vielen Stammkunden. Das Leben war hart genug, und ganz besonders hart war es, wenn man einen Job wie Underway ausüben musste. Ein weiterer Zug an der Zigarette und ein paar weitere Schritte in Richtung Auto, das er ein paar Häuserblöcke weiter geparkt hatte, damit nur ja niemand auf die Idee kommen könnte, dass er, Magnus Underway, es nötig hätte, einen Pornoladen aufzusuchen.

Jede zweite Straßenlaterne war abgedunkelt, deshalb wirkte die sowieso schon zwiespältige Gegend noch ein ganz klein wenig zwiespältiger. Der Bürgermeister hatte etliche Laternen aus Kostengründen ausschalten lassen, in Zeiten wie diesen musste gespart werden, wo nur gespart werden konnte. Und in Zeiten wie diesen war Underway froh, dass er überhaupt Arbeit besaß, was machte es da schon, dass er seinen Job hasste?

Die Zigarette hatte er vollständig in sich hineingesaugt, und sein Wagen war noch viel zu weit entfernt. Also noch eine Zigarette! Es war die fünfte Packung, die er heute begann, aufzubrauchen. Manchmal, wenn er morgens aufwachte, musste er erst einmal ein paar Minuten husten, und immer wieder kam es vor, dass er gelben Schleim ausspuckte. Ich sollte damit aufhören, dachte sich Underway, Zigaretten sind wirklich nicht besonders gut für mich. Überhaupt, dachte er weiter, wäre es eine bessere Welt, wenn es keine Zigaretten mehr geben würde. Zigaretten waren nämlich der Ursprung allen Übels – Zigaretten und Fliegen. Gestern Nacht hatte ihn solch ein widerwärtiges Insekt viele Stunden lang gepiesackt, sodass er fast die halbe Nacht keinen Schlaf abbekommen hatte. Hatte sich auf seine Nase gesetzt, war brummend an seinem Ohr vorbeigeflogen, nervte.

Eine Welt ohne Zigaretten und Fliegen! Was für ein utopischer Gedanke! Dann würde es keine Kriege mehr geben, keine Terroristen und keine Republikaner! Es wäre eine wirklich wunderschöne Wel–

Magnus Underway verlor das Bewusstsein, jemand hatte ihm mit einem Schlagstock auf den Kopf geschlagen. Seine Zigarette fiel aus der Hand, landete in einer Pfütze Regenwasser und zerzischte darin mit einem Geräusch, das die Stille der Nacht gewaltig störte. Daneben landete die Videokassette, mit der sich der Privatdetektiv einen gemütlichen Fernsehabend hatte machen wollen. Und manchmal gibt es sogar Schlimmeres als Fliegen und Zigaretten!, schlussfolgerte Underway eine Nanosekunde, kurz bevor er vollständig bewusstlos wurde.

Fortsetzung folgt ...

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5.11.02
Shoppingtipps für Millionäre
("Ey Aktuell!" - Aktuelle Nachrichten. Bitte nicht in Schallgeschwindigkeit lesen.)

Wer soll das bezahlen? Und wer hat soviel Geld? Und was sollte man überhaupt mit dem Überschalljäger MIG 21 anfangen, der im Moment bei Ebay versteigert wird? Millionäre aufgepasst! Die Kiste könntet Ihr in Euren Vorgarten stellen - direkt neben Eure geschmackvolle Gartenzwergsammlung. Und dann steht der Flieger da, und Ihr habt etwas Neues, um zu protzen. Nein, das hat nun wirklich nicht jeder.

Doch halt, liebe Ölbarone! Falls Ihr in den Schurkenstaaten Libyen, Vietnam, Burma, Nordkorea oder Syrien leben solltet, dürft Ihr nicht mitsteigern, wer weiß, was Ihr mit der Militärmaschine anstellen würdet. Im Deutschen Luftraum darf die MIG jedoch geflogen werden. Zur Not könnte man damit wohl auch Rundflüge über Europa zelebrieren - die Kiste fliegt immerhin Mach 2.1. Ein Rundflug über Europa in ein paar Minuten oder einmal sogar um die ganze Welt, das wäre doch was.

Und nicht nur Millionäre können mitbieten, auch Menschen mit Falschgeld erhalten die Chance, das Maschinchen zu ersteigern, sofern sie sich denn geschickt genug anstellen. Ein Besoffener aus Hannover jedenfalls, und dabei handelte es sich ausnahmsweise nicht um den Sänger der Scorpions, bezahlte seine Zeche mit einem 300-Euro-Schein, auf dem nackte Frauen abgebildet waren und gut leserlich "Spielgeld" stand. Falls Sänger Klaus Meine demnächst jedoch mit einem Überschalljäger auf der Bühne landen, dem Publikum freundlich zunicken und danach anfangen sollte, "Wind of change" zu pfeifen, wird er wohl doch der Mann mit den Blüten gewesen sein.

In diesem Sinne: "Geld ist eine Droge, und Ihr seid alle drauf."

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4.11.02
Die Sniper und ihr geheimes, schwules Leben
("Ey Aktuell!" - Aktuelle Nachrichten. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.)

Ach! Schwul sind die beiden Sniper also auch noch. Und ihr "schwules Geheimnis" soll die erschreckende Wut angestachelt haben, die zehn Menschen umbrachte.

Und ach! Eine Verbindung zur al Quaida gibt es natürlich ebenfalls.

Weitere Themen des "National Enquirer": Tom Jones findet saubere Unterwäsche beleidigend, Maria Careys Essensreste werden versteigert, und Phil Collins wird taub.

Ein seriöses Blatt also, dieser "National Enquirer" - die Postille ist dermaßen glaubhaft, dass es der Hollywoodfilm "Men in Black" als "Zentralorgan der Außerirdischen" darstellte. Und womöglich ist Phil Colins sogar schwul, Maria Carey lesbisch und Tom Jones der Vater von beiden - schon bald in einer der nächsten Ausgaben.

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3.11.02
USA nach Neuwahlen unter kommunistischer Führung
("Ey Aktuell!" - Aktuelle Nachrichten. Wird demnächst aus Kostengründen umstrukturiert.)

Schön ist das alles nicht: Wer einen Job sein Eigen nennen kann, darf sich freuen, wer Student ist, studiert noch möglichst lange, um nicht arbeitslos zu werden, und wer arbeitslos ist, tut ganz einfach das, was von ihm erwartet wird - trauern nämlich und ansonsten überhaupt nichts.

Die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" beschreibt in der heutigen Ausgabe "Wege aus der Krise" und geht dabei alphabetisch vor - "von Aussitzen bis Zweckoptimismus". Zu jedem Stichwort ein kleiner, aufmunternder Text, damit sich die Totentanzstimmung und der Phantomherzschmerz nur ja verziehen. Nur auf "L wie Liebe" und "Q wie Qualitätsjournalismus" wird nicht weiter eingegangen. Gibt´s ja auch überhaupt nicht in der Krise, wir leben nun einmal in einer schrecklichen, widerwärtigen, lieblosen Welt.

Neulich habe ich eine wunderbare Folge von "Eerie Indiana" gesehen, die Sendung gehörte damals, als ich noch viel, viel kleiner war, zu meinen Lieblingsfernsehserien. In dieser Episode erschuf eine Zeitungsredaktion die Realität. Die Redakteure tippten die Schlagzeilen ein, und alles, was sie eintippten, geschah dann auch so. Sie mussten nach ihrer kreativen Schaffensphase nur auf die Tasten Ctrl, Reality und Enter drücken, und schon war alles so, wie es sich die Journalistenhirne erdacht hatten. Wäre doch schön, wenn es diese Maschine wirklich geben würde. "Krise beendet", könnte man dann eintippen. Oder für den Politikteil: "USA nach Neuwahlen unter kommunistischer Führung". Aber das ginge dann wohl doch etwas zu weit.

Und wenn der "Süddeutschen Zeitung" demnächst auch noch das "SZ-Magazin" weggekürzt wird, gibt es einen guten, lesenswerten Ersatz - auch für Wessies, wie ich es einer bin. "Das Magazin" ist bunt, unterhaltsam, hat viele schöne Reportagen, interessante Interviews, sympathische Kolumnen. Die "taz" schrieb dem "Magazin" "Charme mit Minimalerotik" zu. Also dann! Kaufen! Aber sofort! Damit es wenigstens dort nicht kriselt.

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