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29.3.03
Hässliches Krisengewürge und die Folgen
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Die mit der Piemontkirsche.)

Wir werden alle sterben. Ausnahmslos. Und irgendwie ist das ein trauriger Gedanke, wenn man sich länger damit beschäftigt, über das Leben und den damit verbundenen Tod nachzudenken.

Man wird depressiv.
Verkriecht sich unter der Bettdecke.
Lebt in abgedunkelten Räumen.
Will kein Tageslicht zu sich hereinlassen.
Wird auf Grund dessen immer blasser.
Sieht deswegen älter aus als man in Wirklichkeit ist.
Wird immer depressiver, weil man sich immer älter fühlt.
Benutzt Selbstbräunungskreme, um die Blässe zu vertuschen.
Setzt ein gespieltes Grinsen auf, um auf seine Mitmenschen fröhlich zu wirken.
Fängt an, wie Edmund Stoiber während des Wahlkampfs im vergangenen Jahr auszusehen.

Und dann erst fangen die wirklich richtigen Sorgen und Depressionen an.

Ein eigentlich recht fröhlicher Zeitgenosse erzählte mir vor ein paar Wochen, dass er seine erste Sinnkrise kurz vor dem fünfundzwanzigsten Geburtstag bekommen hätte. „Ein Vierteljahrhundert!“, beschrieb er mir seine damalige Depression. „Da fühlt man sich richtig alt. Und man denkt darüber nach, wie wenig man in seinem Leben geschafft hat. In einem Vierteljahrhundert hätte man doch eigentlich viel mehr erreichen können.“

Und in knapp zwei Monaten wird es dann auch mich knallhart erwischen. Ich werde ein Vierteljahrhundert alt, und eigentlich habe ich mir bisher noch keine Gedanken darüber gemacht, was das für Auswirkungen haben wird. Und eigentlich fühle ich mich auch noch überhaupt nicht alt – oder doch!

Seit heute morgen - seitdem ich vor dem Spiegel einen Du-bist-nicht-alt-oder-etwa-doch-Schnelltest durchgeführt hatte - fühle ich mich unglaublich prähistorisch. Gut, ich habe gesehen, dass mir noch keine Falten das Gesicht zerfurchen, und dass mir ebenfalls keine Tränensäcke bis zum Kinn herunterhängen, habe ich genauso als positiv aufgefasst.

Doch dann das: Nasenhaare! Direkt aus den Untiefen meiner Nase! Und du meine Güte! Wie lang sind die denn?

Und ist das nicht das erste Anzeichen dafür, dass man alt wird – langes, sich aus der Nase herauskräuselndes, eklig wirres Nasenhaar, das man sich mit einer Pinzette herausreißen oder anderweitig entfernen muss, damit es nicht unangenehm auffällt und hinter dem Rücken über einen getuschelt wird, wie alt man doch geworden ist? Er ist aber auch wirklich in die Jahre gekommen, und lange macht er bestimmt nicht mehr, ja, ja, früher war er noch so fit und agil, und heute wachsen ihm Nasenhaare, und ach, wie schnell doch die Zeit vergeht, wir werden nun einmal alle älter, so ist der Lauf der Dinge, und irgendwann steht der Tod auch vor unserer Tür, daran führt kein Weg vorbei, nein, nein, alles hat ein unausweichliches Ende.

Ich werde die Nasenhaare ignorieren, denn ich bin noch nicht alt. Ich werde sie auch nicht mit einer Pinzette herausreißen, denn sie werden schon nicht weiter wachsen. Ich ignoriere sie, sie sind überhaupt nicht da, ich muss es mir nur oft genug sagen.

Und was, wenn es doch weiter wächst? Wenn es länger wird? Würde ich in Köln leben, könnte ich mir aus dem Nasenhaar mit ein wenig Haarspray etwas zusammensprühen, was so ähnlich aussieht wie ein Bart im Sinne von Jean Pütz. Es würde mit Sicherheit kaum auffallen, in Köln tragen schließlich fast alle Männer solche Bärte – nur eben aus Barthaar, aber man würde wohl nur bei näherer Betrachtung erkennen können, dass dem bei mir nicht der Fall wäre.

Hätte ich Kinder, könnte ich mir jeweils die Haare, die aus dem einen Nasenloch wachsen und die Haare, die aus dem anderen Nasenloch heraussprießen, zu jeweils einem gebogenen Horn verkleben, mich in eine braune Decke hüllen und so in ein fast lebensecht wirkendes Mammut verwandeln. Das würde den Kindern garantiert Spaß machen – sie dürften dann auch auf meinem Rücken reiten und ich würde dazu prähistorisch laut brüllen.

Wo wir wieder beim Thema wären: meinem prähistorischem Alter nämlich. Und nein, ich fühle mich noch gar nicht alt, davon können mich nicht einmal meine Nasenhaare überzeugen - ich bin nämlich erst ein knappes Vierteljahrhundert alt, jawohl.

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20.3.03
Harald Martenstein, Autor des Tagesspiegels, hat eine Premiere beobachtet - die erste Kriegserklärung inklusive eines knuffig-wuffigen Wauwaus: "Bush hat die Familienfotos auf seinem Schreibtisch nach vorn gedreht, Richtung Kamera. Nicht er sieht die Fotos, nein, die Zuschauer sollen sehen, was für ein Familienmensch er ist. Damit die Fotos aufs Bild passen, muss der Präsident ein bisschen zusammengequetscht sitzen. Man hat viel Zeit, auf einem der Fotos seinen Hund zu betrachten, einen großen grauen Jagdhund. Es ist die erste Kriegserklärung mit Hund."

Und dann hat Martenstein beim Fernsehschauen noch einen lächelnden Lächerlichen entdeckt: "Bei N24 sah man das Comeback des Hu-Hu-Machers. Die Medienkritikerin Klaudia Brunst hat vor Jahren einen heute berühmten Text über das Verschwinden des Hu-Hu-Machers geschrieben: das war der Mann (oder die Frau, oder das Kind), der früher immer hinter den Reportern stand und in die Kamera hineinwinkte. Die Hu-Hu-Macher sind fast verschwunden, weil das Fernsehen Alltag geworden ist und wir alle abgebrüht sind. In Bagdad aber sah man hinter der N24-Reporterin einen älteren Mann mit Schnauz, der begeistert in die Kamera winkte. Nächste Woche ist er vielleicht tot, aber er fand es trotzdem toll, im Fernsehen zu sein. Er sah glücklich aus. In diesem Moment hatte man den Eindruck, etwas über den Krieg zu erfahren."

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18.3.03
Alltag

Ich sitze am Frühstückstisch und starre in meine Kaffeetasse. Der Kaffeegeruch zieht mir in die Nase, und ich spüre, wie ich allein davon wacher werde. Vor meinem Fenster springt ein älterer Mann auf und ab und schreit mir etwas entgegen, was ich nicht verstehe. Ich öffne das Fenster. Ich starre den älteren Mann an. Und ich höre, was er mir zuruft.

Ich habe mich erneut an den Frühstückstisch gesetzt, und wieder starre ich in meine Kaffeetasse. Der ältere Mann schwimmt in der braunen Brühe herum, und er wirkt hyperaktiv – das macht wohl das viele Koffein. „Alltag!“, schreit er mir entgegen. „Befreien Sie mich aus dem Alltag. Bitte!“

Ich sitze am Frühstückstisch und starre den älteren Mann in meiner Kaffeetasse an. Wie er in der Koffeinkloake herumrudert, von einer Seite der Tasse zur anderen. Ich trinke noch einen weiteren Schluck Kaffee, schlürfe mit ihm den älteren Mann in meinen Mund, und ich spüre, wie er mir die Kehle heruntergleitet. Und alles ist alltäglich. Befreien Sie mich aus dem Alltag. Bitte!

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17.3.03
... und gut, dass ich noch studiere, denn ansonste könnte ich jetzt möglicherweise arbeitslos sein. Ob sich die Krise bis zum Ende meines Studiums verkriselt? Wäre ich Optimist, würde ich jetzt hoffen statt bangen.

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16.3.03
"Man sollte versuchen, sich die Winterdepression nicht von einem Hochdruckgebiet über den Azoren wegschmelzen zu lassen.

Einfach schlafen, sich hinhauen, ratzen, knacken, pennen, schlummern, es ist gleich, welchen Namen man sich dafür aussucht, und es ist auch gleich, was man damit ausdrücken möchte – Schlaf als Flucht, als Statement, als Haltung, als Rückzug, als Protest, es ist wirklich egal, nur tun sollte man es. Dringend. Drängend. Unbedingt.

Es gibt so viele Gründe – und schlafen ist die Lösung. Für alles.

[...]

Vermutlich ist langes Schlafen eine Frage der Kühnheit, der Courage, des Mumms. Da die Menschen moderner, also feiger, hysterischer und unruhiger werden, schlafen sie weniger. Es fehlt uns der Mut, Gerhard Schröder, die Bundesregierung, die Vereinten Nationen, George W. Bush, Saddam Hussein, Carsten Spengemann, eigentlich die ganze Welt, länger als sieben Stunden unbeobachtet zu lassen.

[...]

Wenn es stimmt, dass die größte Phobie des Menschen nicht die Angst vor Krieg, Arbeitslosigkeit oder schlechter Gesundheit ist, sondern die Angst, etwas zu verpassen, dann ist das die entscheidende Frage. Was verpasst jemand, der die nächsten fünf oder sechs Monate schläft? Was entgeht ihm? Die Übermacht des FC Bayern in der Bundesliga? Der zweistellige Dax? Die Verwandlung der irakischen Außenpolitik in amerikanische Industriepolitik? Der Gleichstand zwischen Arbeitslosenzahl und SPD-Wählern? Die Daniel-Küblböck-Tournee? Der erste Absturz eines Flugzeugs, in dem man für fünf Euro durch Deutschland fliegen kann?

Nichts, man verpasst nichts in den nächsten Monaten."

aus: Juan Moreno: Träumen Sie weiter! / Der Winter ist vorbei, aber die Klugen beenden dieses Jahr mitnichten ihren Winterschlaf – Ein Plädoyer für den Radikalfatalismus, Süddeutsche Zeitung, 15.03.2003

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