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8.11.03
Ausgestopft
("Ey Glotze!" - Die Medienkolumne. Und keiner rührt sich, damit das klar ist.)

Rüdiger und Rosemarie starren auf ihr Fernsehgerät, ganz so, wie sie es schon immer in ihrer einundvierzigjährigen Ehe gemacht haben. Ein ganz normaler Tag also in dieser ganz normalen Rentnerlebensgemeinschaft. Wie ausgestopft wirken die beiden Ergrauten - fast bewegungslos lassen sie sich reizüberfluten. Öfters zwinkert ein Augenpaar, manchmal hustet Rüdiger, hin und wieder seine Frau, die sich neben ihm fettleibig in den Sessel drückt.

Plötzlich jedoch tut sich etwas. Rüdiger öffnet den Mund. Holt Luft. Fragt: „Hastu gehört? Die stopfen Antje aus!“ Während Rüdiger spricht, weicht sein Blick nicht vom Bildschirm ab – es läuft eine Nachmittagstalkshow.

„Antje?“, fragt Rosemarie, und auch ihre Augen starren ungebrochen auf den Fernseher.

„Ja“, sagt Rüdiger und schmunzelt nebenbei über einen Witz, den der Talkmaster gemacht hat. „Antje wird ausgestopft.“

Doch beim Antje-Ausstopfen war es zu Problemen gekommen: An dem Tag, an dem sie gestorben war, wütete eine hitzige Sonne, und deswegen hatten sich ihre Überreste allzu schnell aufgelöst – ganze Hautpartien waren abgebröckelt. „Wir konnten die Zersetzung der Haut mit viel Aufwand stoppen und werden von Antje wie geplant eine lebensgroße Dermoplastik anfertigen“, konnte Präparator Klaus Zwonarz nun jedoch im "Hamburger Abendblatt" beruhigen. "Nach einer Not-Gerbung und der Behandlung mit Chemikalien, die ein für Bakterien ungünstiges Medium schaffen, konnten wir den Zustand der Haut stabilisieren."

Andererseits wird Antje überhaupt nicht ausgestopft: "'Antje' wird nicht ausgestopft", erklärte Zwonarz gegenüber Ombas.de, "sondern präpariert, und das ist etwas ganz anderes."

Die abgelösten Hautstellen müssen jetzt wie bei einem großen Tausendteilepuzzle neu zusammengesetzt werden, und dann wird Walross Antje, das ehemalige Aushängeschild des Norddeutschen Rundfunks, nächstes Jahr irgendwann im Zoologischen Museum der Hamburger Universität ausgestellt werden können - oder zumindest das, was von ihr übrig geblieben ist. Und was war das nicht niedlich, wie Antje sich in diesem kleinen Einspielfilmchen an den Rand ihres Swimmingpools geworfen und das Wasser um sich herum beiseite geprustet hatte.

„Sieht n bisschen wie du aus“, sagt Rüdiger, „wenn du dein Gebiss rausgenommen hast.“ Und Rosemarie ist sofort den Tränen nahe. „Gar nich“, schluchzt sie, „ich seh gar nich wie ein Walross aus.“

Ihr selbst war es jedoch ebenfalls vor ein paar Tagen aufgefallen, als sie sich frisch geduscht und nackt vor dem Badezimmerspiegel aufgetürmt hatte und ihr dicke Wassertropfen vom dicken Körper geplatscht waren. Wie Antje aus dem Fernsehen!, hatte sie gedacht. Und glücksüberschwemmt hatte sie ihr Gebiss aus dem Mund genommen und hatte, ihrem Fernsehidol nicht ganz unähnlich, auf dem Waschbecken herumgeprustet.

Hoffentlich will Rüdiger mich nich auch ausstopfen lassen, denkt Rosemarie. Und Rüdiger denkt, dass es überhaupt keinen Unterschied machen würde, wenn Rosemarie ausgestopft, präpariert oder wie auch immer für die Ewigkeit hergerichtet neben ihm sitzen würde – es könnte sogar Vorteile haben. Andererseits: Wer würde ihm dann die Wäsche waschen? Wer das Essen kochen? Wer die Wohnung sauber machen? Und wer würde bitteschön all die Klischees erfüllen, die nun einmal erfüllt werden müssen?

Und dann beruhigen sich die Gemüter wieder, und Rüdiger und Rosemarie starren noch sieben Stunden ohne lästige Störungen auf den Fernseher. Danach gehen sie wortlos schlafen.

Noch mehr wunderbare Momente mit Rüdiger und Rosemarie:
Rank und krank
Treppenhausterror
Ein feucht-fröhlicher Fernsehabend

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3.11.03
Über Schlitze und Schlagzeilen
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Sturmfest und erdverwachsen.)

Ich bin zeitungssüchtig. Ich war ein regelrechter Vielleser, und ja, ich gestehe: das bin ich traurigerweise noch immer, es hat sich leider nichts an meiner ausweglosen Lage geändert.

Etliche Nachrichtenseiten im Internet besuche ich mehr als oft, und zwei Tageszeitungen - ein überregionales Blatt, das ich abonniert habe und eines, das ich mir vor lauter Sucht zusätzlich kaufen muss - konsumiere ich. Hin und wieder hatte ich sogar zwei Zeitungen abonniert, und mein Briefkasten stöhnte vor so viel Ballast, die er dank meiner Überdosis zugesteckt bekommen hatte.

Ohne die überregionale Zeitung kann ich auch gar nicht mehr leben, ich würde regelrecht nervös werden, zu zittern anfangen und vielleicht sogar damit beginnen, vor Verzweiflung die Verpackungen von Lebensmitteln oder Shampooflaschen durchzulesen - Entzug kann schon schlimme Erscheinungen nach sich ziehen, und ohne fremde Hilfe kann ich mich aus diesem Sumpf aus Buchstabenbrei garantiert nicht mehr herausziehen.

Mein Zeitungszölibat hatte ich nach vierundvierzig Stunden abbrechen müssen, es ging nicht anders. Bislang habe ich jedoch noch keine Selbsthilfegruppe für Buchstabensüchtige gefunden, und das wahrscheinlich allein aus dem Grund, dass die Druckerschwärzeabhängigen nicht ins Gespräch kommen, sondern sich Zeitungsartikel vorlesen würden - ihrer Ansicht nach spannende Texte, höchstwahrscheinlich jedoch nichts anderes als das Gebrabbel und Gebrubbel irgendwelcher neunmalkluger Zeilenfüller.

Früher waren die Zeitungen auf Grund diverser Anzeigen so umfangreich, dass sich zwei schwere Muskeljungs an jeweils einer Zeitung abmühen und diese in den Briefkasten hieven mussten - unter allem Aufwand ihrer übermännlichen Kräfte. Nur die Stärksten, Kräftigsten und Ausdauerndsten konnten noch vor kurzem Zeitungsausträger werden.

Diese Zeiten der Dunkelheit sind Gott sei Dank vorbei.

Heutzutage sind Zeitungen dank Wirtschaftskrise so stark eingeschrumpft, dass man sie in früheren Epochen für Flugblätter gehalten haben mochte. Heutzutage könnte jede Bohnenstange, jeder Minimalmuskelmensch, Zeitungsausträger werden.

Ja, sogar ich könnte das machen, wenn ich denn wollte.

Früher, in diesen schlimmen Zeiten sperriger Printprodukte, war es eine unglaublich dumme Idee von mir gewesen, eine Zeitung zu abonnieren - ich hatte mir damit ein überdimensional großes Problem ins Haus geholt. Und das gerade am Samstag.

Denn besonders die Samstagsausgaben waren mit ihren meterdicken, sich über dutzende Seiten erstreckenden Anzeigenteilen so unverschämt dick, dass sie nur mit größter Not in meinen allzu kleinen Briefkasten passten. Die beiden Zeitungsausträger, die sich mit dem Printerzeugnis Tag für Tag abmühten, kann ich wirklich nur bedauern, sie werden kein leichtes Spiel gehabt haben.

Das Schlimmste daran war, dass sich meine ach so geliebten muskulösen, bauarbeitergleichen Zeitungsausträger, die auf Grund ihres Jobs aussahen wie Arnold Schwarzenegger, meistens auch nicht besonders viel Mühe mit ihrem Job gegeben hatten. Gerüchten zufolge und am Rande bemerkt soll sich Schwarzenegger übrigens auch nur deshalb seine Muskelberge antrainiert haben, um seinem Traumberuf, dem Zeitungsaustragen, nachgehen zu können.

Ich möchte den Beruf des Zeitungsausträgers nicht in Verruf bringen - zumindest meine Zeitungsausträger waren jedoch recht schlampig, was ihre Arbeit anbelangte, quetschten sie die Lektüre doch meist nur halb in den Schlitz, so dass die Zeitung schrecklich weit heraushing, und besonders dann, wenn ich zwei Zeitungen abonniert haben sollte, schaffte es meist nur eine in die schützende Dunkelheit meines Briefkastens.

Und da hing sie nun also, die Zeitung, und starrte den Passanten hinterher, die an ihr vorbeispazieren.

"Hallo", mag sie ihnen sogar manchmal aus Langeweile nachgerufen haben, "ich bin eine kostenlose Zeitung. Sie können mich ruhig mitnehmen. Wirklich."

Und manche Passanten werden sich von der Zeitung angesprochen gefühlt haben, denn morgens, wenn ich aufwachte, fehlte sie. Und was für Überzeugungsarbeit die Zeitung manchmal geleistet haben muss, wenn sie den Passanten dick und drall entgegenhing. Lippenstift vielleicht? Reizwäsche? All die Dinge halt, die man benötigt, wenn einen niemand mehr wegen ausschweifender Ausmaßen haben will.

Zum Glück sind diese finsteren Zeiten vorbei - endlich hat sich die Größe der Zeitungen der wirtlichen Lage meines Printerzeugnisauffangbeckens angepasst. Was nicht passte, wurde passend gemacht, und hoffentlich wird sich in nächster Zeit auch nichts daran ändern - zur Freude der Zeitungsausträger dieser Welt.

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