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9.1.05
Ode an die schlechte Laune oder Der Vorteil einer Langzeitdepression
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Diesmal ohne Bilder. Dafür bin ich zu unmotiviert. Zu deprimiert. Zu ach-was-weiß-ich-denn-wie. Die Bleiwüste spricht doch sowieso für sich. Ist ganz schön scheiße, was? Aber Bilder gibt´s nun mal nicht. Nicht mal in Schwarz-Weiß. Und Kännchen gibt´s nur draußen. Also weg hier! Verschwinden Sie endlich!)

Herbst- und Winterdepressionen sind Unsinn: Weshalb sollte ich nur im Herbst und im Winter depressiv sein und nicht auch im Frühling und im Sommer? Eine Ganzjahresdepression hat noch niemandem geschadet, was soll man sich da auf die dunkleren Jahreszeiten beschränken? In dem furchtbar hippen Magazin „Neon“ wurde Jugendlichen vor kurzem die Frage gestellt: „Wie verhinderst du eine Herbstdepression?“ Was soll das denn bitteschön heißen? Weshalb sollte man eine Depression verhindern, wenn man sie auch wunderbar ausleben kann?

Ein paar Gründe fürs Depressivsein: Das Studium, das vor sich hin plätschert. Die nervigen Mitstudierenden. Die Dozenten. Dann vielleicht zu wenig Sex. Zu viel Sex. Ein zu schlechtes Fernsehprogramm. Die miesen Bus- und Bahnverbindungen. Die blöden Busfahrer. Die trostlose Zukunft mit garantierter Arbeitslosigkeit. Das ist genug Schlechte-Laune-Sprengstoff für zwölf Monate, zwei Jahreszeiten reichen bei weitem nicht aus. Und: Depressiv sein ist voll im Trend.

Das Berliner Magazin „Dummy“ hatte zum Beispiel auf dem Titelbild nichts anderes als einen depressiven Text stehen: „Achtung“, hieß es dort, „es wird gleich anstrengend und frustrierend und langweilig und deprimierend und grau und auch ein wenig nervig. Willkommen in Deutschland.“ Das Ganze dann noch mit einem netten „PS: Das Wetter wird auch scheiße“ versehen, und fertig war die Bibel für Misanthropen und Selbsthassende.

Und die Band „Angelika Express“ singt in ihrem Lied „Depression, Schätzchen“: „In deiner Straße siehst du nur Ruinen / Irgendjemand lacht, und du fühlst dich deplatziert / Deine Freunde wolln jetzt Kinder kriegen / Du bleibst liegen und hast dich selbst massiert.“ Ja, genau. So ist das nämlich. So will ich leben. Und was wäre ein Leben ohne eine depressive, pessimistische Grundeinstellung?

Wo wir auch schon bei dem wären, was eine gute Depression eigentlich ausmacht. Und was ist das eigentlich, eine Depression? Nach innen gekehrte Aggression? Damit möchte ich mich ehrlich gesagt nicht zufrieden geben, denn ich möchte meine Aggression auch nach außen tragen und zeigen, wie sehr ich die Welt hasse – und das, wie gesagt, das gesamte Jahr lang. Denn im Frühling ist es immer noch zu kalt, im Sommer entweder viel zu kühl und regnerisch oder viel zu heiß. Andererseits: Schweißtropfen auf seine geliebten Mitmenschen zu verteilen, kann schon Spaß machen. Andererseits möchte man als Depressiver überhaupt keinen Spaß haben. Und im Herbst? Da fallen die Blätter von den Bäumen, und es ist wieder furchtbar kalt, aber noch nicht kalt genug, und man braucht eine Übergangsjacke. Und der Winter. Na ja. Wenn es nicht sibirisch kalt ist, gibt es glücklicherweise immer noch Weihnachten, wo man seine Familie knuddeln und in den Arm nehmen muss. Die gefühlte Gutmenschlichkeit lässt die Depression in ungeahnte Höhen springen.

Und ja, ich deutete es bereits an, dass, wer so richtig depressiv werden will, studieren sollte. Erst ist es natürlich lustig und toll, sich die Vorlesungen, Pro- und Hauptseminare selbst zusammenzustellen, deswegen lange ausschlafen und in den Tag hineinleben zu können. Dann ist man plötzlich im vierundzwanzigsten Hochschulsemester und wird depressiv, weil man das alles doch viel schneller hätte durchziehen können. „Während des Studiums kommt es, außer bei besonders flachen Charakteren, zu einer Reihe von Depressionen, die im ersten Semester beginnt“, schreibt Bernd Zeller, ehemaliger Autor für die Harald-Schmidt-Show und Herausgeber der Satire-Zeitschrift „Pardon“, in seinem Buch „101 Gründe nicht zu studieren“. „Die harten Typen“, so Zeller weiter, „schieben sie bis in die vorlesungsfreie Zeit hinaus.“ Und dann beschreibt er die Enddepression: „In der Schule wurde angeblich für das Leben gelernt. Ein solcher Anschein lässt sich beim Studium nicht erzeugen. Die Krisen zuvor konnten überwunden werden, indem die Sinnfrage ausgeklammert wurde, mit dem Ziel weiterzumachen. Das funktioniert nicht mehr, da nun der Abschluss das Ziel ist.“ Und dann rächt sich die „aufgestaute Sinnfrage“ in „Form der tiefen Depression, der sich die Lebenseinstellung anpasst. Akut wie nie wäre die Frage: Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? – Egal: ich bin, komme und gehe, das muss reichen. So geht die Enddepression nahtlos über in die Midlife-Crisis.“ Die Depression ist das Ziel, und das Studium ein großer Schritt in diese richtige Richtung.

Der Vorteil einer Depression ist, dass man sich über alles und jeden aufregen kann, sich selbst inbegriffen. So wird das Leben nie langweilig, was die Gute-Laune-Menschen höchst wahrscheinlich nicht von ihrem Dasein sagen können. Mit guter Laune gibt es kaum bis keine Dramen, keine Tief- und Höhepunkte, das Leben ist langweilig, aber schön. Dann lieber depressiv sein und sich über die Konflikte freuen, die daraus entstehen. Freunde, die auf Grund der schlechten Laune nichts mehr mit einem zu tun haben wollen und die man davon überzeugen muss, dass man eigentlich gar nicht so ein widerlicher Muffel ist – was eine Notlüge ist, weil man natürlich widerlich und muffelig ist. Menschen auf der Straße, die einen traurig anschauen und fragen, was denn los ist und die man dann mit einem hasserfüllten „Nichts ist los!“ anzischt. Sektenmitglieder, die einen wegen des pessimistischen Gesichtsausdrucks als potentielles Opfer ansehen. Das alles bringt, Depression sei Dank, Spannung ins Leben.

Ein Freund von mir machte mich auf den Unterschied von Depression und Deprimiertheit aufmerksam: „Du bist nicht depressiv, du bist nur deprimiert“, sagte er. Eine Depression wäre nämlich schon eine richtige Krankheit und müsste behandelt werden. Ja, und? Wer wird denn da gleich kleinlich sein, die Übergänge sind allemal fließend.

Um depressiv zu bleiben, muss man übrigens die Kunst des Sich-selbst-Runterziehen beherrschen. Ein kleines Beispiel in angewandter Eigen-Aversion: Dieser Text hier. Ist belanglos. Doof. Interessiert niemanden. Hat langweilige Längen. Und ist einfach so runtergeschrieben. Aber natürlich ist er das! Immerhin behandelt er das Thema der Depression. Und wer depressiv ist, dem ist alles andere egal. Auch hingeschluderte Texte. Wirst schon damit durchkommen, denke ich mir. Und wenn nicht, hast du einen Grund mehr, depressiv zu sein.

Und dann höre ich die „Smiths“. Oder die „Eels“, eine der wunderbarsten Bands, um den Gefühlspegel auf einer Skala von 1 bis 10 ganz unten zu halten. Der Vater des Sängers starb, seine Schwester beging Selbstmord, seiner Mutter wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Ungefähr so hören sich die Alben der Band auch an. „Laying on the bathroom floor / Kitty licks my cheek once more / And I could try / But waking up is harder / When you wanna die“ heißt es im Lied „Elisabeth on the Bathroom Floor“, das mit den Zeilen „My name´s Elisabeth / My life is shit and piss” endet. Im Booklet der CD “Electro-Shock Blues” ist ein Grabstein abgebildet, auf dem “Everything is changing” eingemeißelt ist. Alles ändert sich. Alles wird immer wieder anders schlecht.

Und gerade diese Abwechslung ist es, die Depressionen so unterhaltsam macht.

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