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25.7.05
Liebes Fernsehtagebuch ...

... den lieben, langen Tag fernsehen. Ganz schön widerlich – gibt es nicht schönere, intellektuell anspruchsvollere Hobbys? Aquarellbilder malen zum Beispiel. Lesen. Kunstausstellungen besuchen. Häkeln. Und vielleicht ist sogar Angeln weniger verpönt als fernzusehen, ist man dort doch zumindest an der frischen Luft und kann in aller Ruhe seinen Gedanken nachgehen. Und Fernsehen? Kleistert die Gedankengänge zu! Man verlernt es, zu denken! Denn wer fernsieht, verdummt! Ganz klar.

Ist mir alles egal. Ich finde es toll, fernzusehen. Ich finde es toll, mich durch die diversen Fernsehprogramme zu zappen, und ich finde es sogar toll, darüber nachzudenken, was ich da gerade konsumiere, und das möchte ich mit diesem Fernsehtagebuch machen. Nachdenken nämlich. Über das Fernsehen. Und das Leben. Und den ganzen Rest. Alles halt, was mir beim Zappen einfällt.


13 Uhr 15. Auf n-tv läuft die Pressekonferenz der FDP. Guido Westerwelle redet über irgend etwas, aber ich höre nicht richtig zu. Bildungssysteme, bla, bla, bla. Vorschulische Ausbildung. Richtiges Verhältnis von Bürgersicherheit und Bürgerfreiheit. Alles gut und schön, aber immer, wenn ich Herrn Westerwelle im Fernsehen sehe, muss ich an Akneprobleme denken. Und immer, wenn ich ihn sehe, denke ich: "Nicht kratzen, nicht kratzen, bloß nie einen Pickel aufkratzen. Sonst siehst du bald so aus wie dieser Mensch im Fernsehen."

13 Uhr 21. Schön eigentlich, dass ich die digitalen Fernsehprogramme von "Kabel Deutschland" abonniert habe. Und wie unschön eigentlich, wie unsinnig die meisten der angebotenen Programme sind. Auf Games TV sehe ich, wie jemand das Videospiel "Harvest Moon" spielt. Das wird auch von keinem Moderator kommentiert, man sieht einfach nur, wie jemand mit einer virtuellen Spielfigur durch eine virtuelle Welt rennt. Virtuelle Kühe fressen virtuelles Gras, und es wird eingeblendet: "Berta geht es gut, sie scheint sich wohlzufühlen." Es gibt nichts Uninteressanteres, als fremden Menschen beim Computerspielen zuzuschauen. Obwohl: Ich habe ja noch den Sailing Channel, Wein TV, Motors TV und das Wetter Fernsehen.

17 Uhr. Hach ja. Man hat halt so seine festen Fernsehzeiten. Nicht, dass es zwingend für mich wäre, um 17 Uhr den Sci Fi Channel anzuschalten, aber wenn ich zuhause bin, läuft um diese Uhrzeit meistens auch dieses Programm für Nerds und Science-Fiction-Spinner. Meistens verfolge ich "Outer Limits", diese düstere Serie rund um Außerirdische, Roboter und anderen Klischeekram, auch überhaupt nicht intensiv, es läuft halt so nebenbei. Es blubbert vor sich hin. Einfach so. Nebenbei lese ich meistens Zeitung oder irgendwelche Internetnachrichtenseiten. Aber allein der Vorspann versetzt mich in ein gemütliches Hach-ja-wie-schön-Gefühl:

"Sind Sie bereit? Bereit für das Unbekannte? Für eine neue Erfahrung, die alles in Frage stellen könnte, was Sie zu wissen glauben? Was Sie jetzt sehen werden, wird Ihr Bewusstsein verändern, denn hinter der vertrauten Realität lauert das Unfassbare. Hinter dem Sichtbaren verbergen sich geheimnisvolle Rätsel. Hinter dem Augescheinlichen liegt noch eine andere Wahrheit. Die nächste Stunde versetzt Sie in eine Welt jenseits aller Vorstellungskraft - Sie überschreiten die Grenze in ... 'Die Unbekannte Dimension'".

Etwas dick aufgetragen, aber ... hach ja, wie schön.

18 Uhr 26. Und manchmal lasse ich das Fernsehprogramm ohne Ton laufen und höre nebenbei Musik oder den Radiosender Radio Eins. Im Moment höre ich von den "Smiths" das Lied "Everyday is like sunday" und sehe auf Terranova eine Dokumentation über Pferde. Zum Nebenbei-Gucken-ohne-Ton sind Tierdokumentationen halt am Besten geeignet. Man kann hinschauen, "Wie niedlich" denken und dann weiter Zeitung lesen. Oder Internetnachrichtenseiten.

Und manchmal wird man von Terranova wirklich überrascht: Es war wieder einer dieser Tage, an denen ich das Fernsehen ohne Ton laufen ließ, und dann zeigt dieser Tiersender einen Löwen, der kotzt. Minutenlang. Und wie er sich die Kotze mit seiner gigantischen Löwenzunge ableckt. Mjamm.

Die Welt ist widerlich, und weil die Fernsehwelt ein Abbild der Wirklichkeit ist, ist sie natürlich genauso widerlich. "Armageddon - come armageddon!", singt Morrissey aus meinen Lautsprechern. "Come, armageddon! Come!" Und: "Come, come, come - nuclear bomb". Und auf Terranova laufen Pferde über eine Koppel. Und Morrissey singt: "How I dearly wish I was not here / In the seaside town / That they forgot to bomb".

19 Uhr 24. Auf dem NDR berichtet das Magazin "DAS!" über die Obdachlosen-Fußball-Weltmeisterschaft. Bedingung für die Teilnahme: Man muss entweder auf der Straße leben oder eine Drogenkarriere hinter sich haben. Oder am Besten beides? Kann wahrscheinlich nicht schaden, steigert bestimmt die Chancen.

20 Uhr 16. Wieder mal die "Tagesschau" auf der ARD nicht gesehen.

20 Uhr 25. Auf Bibel TV läuft die Sendung "Bibel TV - das Gespräch". Es geht um "christliches Männertraining", wahrscheinlich ist das so eine Art christliches Biertrinken kombiniert mit einem Wettbewerb, wer das Vater Unser am Besten rülpsen kann. Womöglich wäre die Sendung sogar aufschlussreich und unterhaltsam, wenn ich mich auf sie einlassen und ernsthaft dafür interessieren würde - doch sie ist mir keine zwei Minuten meiner Aufmerksamkeit wert, also zappe ich weiter.

Aber irgendwann reicht es dann auch. Zu viele bunte Bilder können manchmal viel zu langweilig sein. Und das in der Prime Time! Verdammtes Sommerloch, in das die ganzen Fernsehprogramme gefallen sind. Oder bin ich einfach zu übersättigt? Vielleicht sollte ich mit Angeln anfangen. Oder mit Häkeln. Oder Kunstausstellungen besuchen. Was weiß ich denn. Vermutlich werde ich jedoch für immer und ewig Fernsehkonsument bleiben - so, wie alle anderen von Talkshows, Serien und Spielfilmen zu Zombies verwandelten Menschen auch.

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7.7.05
Über gute Laune, fremde Menschen und meine beruflichen Aussichten
("Ey Welt!" - Die nachdenkliche Kolumne.)

Muss. Mir. Weniger. Gedanken. Machen. Ich muss weniger grübeln. Weniger über unwichtigen Kram nachdenken. Weniger über wichtigen Kram nachdenken. Meine Freunde sagen, dass mir irgendwann mein Kopf explodiert, wenn ich weiter so ausschweifend über alles und nichts nachdenken würde. Darüber habe ich dann fast drei Stunden nachgedacht. Wie das aussehen könnte, wenn mein Kopf explodiert. Ob es weh tun würde. Und wer die ganze Sauerei sauber machen wird. Man kann sich schließlich nicht aussuchen, wo der Kopf explodiert. In der freien Natur wäre es natürlich am praktischsten, Hirnmasse ist biologisch abbaubar. In einer Wohnung oder in einem Pelzgeschäft wäre es eher unhygienisch und ärgerlich, wenn mein Kopf gerade da platzen würde. Bumm! Und schon sind alle Pelzmäntel ruiniert. Gar nicht schlecht eigentlich, ich sollte mich öfters in Pelzläden aufhalten, das hätte dann eine politische Aussage, wenn mein Kopf dort –

So ist das halt, wenn man zu viel über wichtige und unwichtige Dinge nachdenkt. Man schweift ab. Lebt in einer anderen Welt. Und vielleicht denke ich ganz einfach deshalb über alles und nichts so unrealistisch nach, weil mich die Realität immer wieder erschreckt. "Reality is truly scaring me", singt eine Green-Day-Plagiats-Band, und ja: Recht hat sie, diese Kommerzkapelle, die leider noch keinen großartigen kommerziellen Erfolg hat.

"Don´t think twice, it´s alright", ist ein Motto, das mir seit meiner Jugend immer wieder im Kopf herumspukt, seitdem dieses in einem Dieter-Hallervorden-Film auftauchte. Ich wünschte, es würde mein Lebensmotto sein, aber leider denke ich nicht nur zwei Mal über Dinge nach, sondern unendlich oft. Das macht handlungsunfähig.

Zum Beispiel mache ich mir nicht nur viele Gedanken über mich selbst, sondern auch über meine Mitmenschen. Bis letzten Samstag dachte ich, dass man fremde Menschen nicht einfach so beleidigen dürfte, nur, weil man selbst schlechte Laune hat und seine Aggressionen entladen will, sie haben einem doch nichts getan, die fremden Menschen. Auch keine Gründe für eine spontane Beleidigungswelle sind Hässlichkeit und Gestanksbelästigung.

Es ist also einer dieser Samstage nach einer dieser Wochen, in denen man das Gefühl hat, dass einem der Himmel auf den Kopf gefallen ist und der Kopf entweder kurz davor ist, zu platzen oder vom Himmel zerquetscht zu werden. Direkt einen Platz hinter mir im Bus sitzt ein Mensch, der so hässlich ist, dass es schon nicht mehr schön ist, der stinkt und noch dazu immer wieder rülpst. Ein ideales Opfer!

Ich habe sowieso schlechte Laune, und jetzt weiß ich endlich, wo ich diese abladen kann. Idealerweise setzt sich eine Horde Mädchen in Hörweite. Eines der Mädchen, das sich neben mich gesetzt hat, sagt angewidert zu ihren Freundinnen: "Hier stinkt es!", und ich sage laut, deutlich und sehr um Sachlichkeit bemüht: "Das ist glaube ich der Mensch hinter mir." Das Mädchen dreht sich um, starrt direkt in dessen gelbliche Augen, sagt "Oh!" und dreht sich schnell wieder um. Auf die Frage von diesem stinkenden, hässlichen und rülpsenden Menschen, ob ich denn ein Problem hätte, bleibt mir nur, Schadensbegrenzung zu betreiben – immerhin sitzt er direkt hinter mir, und er sitzt nicht nur in Hör-, sondern auch in Schlagweite, und ich möchte nicht geschlagen werden. "Nein, nein"; sage ich, "es ist nichts."

Und kurz, nachdem ich aus dem Bus ausgestiegen bin, fängt dieses sinnlose Sich-Gedanken-Machen wieder an. Man beleidigt Menschen nicht grundlos, nicht einmal, wenn sie stinken, rülpsen und hässlich sind, sie haben einem doch nichts getan. Andererseits war meine schlechte Laune kurz darauf wie weggespült, und ich verdränge kurzzeitig, dass ich Ärger mit mehreren Ämtern habe, dass ich mich trotz schlechter, wirtschaftlicher Lage auf den Arbeitsmarkt schmeißen muss und ich meine Bewerbungen für ein Volontariat nicht einmal geschrieben habe, weil ich mich auf Grund der Gesamtsituation und des Ärgers, den ich mit mehreren Ämtern habe, so handlungsunfähig fühle.

Ich sollte nicht so viel über mein Leben nachdenken, sondern ganz einfach leben. Und wie widerlich! Das hört sich wie aus einem Positiv-denken-Buch an. Ein Spruch, der mir übrigens mächtig auf die Nerven geht, ist: "Jeder Tag, den du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag." Mein gesamtes Leben wäre nach dieser Definition verloren. Und wie sympathisch ist da ein "Don´t think twice, it´s alright".

Also dann: Sorge dich nicht, höre auf zu denken! Und auch das hört sich irgendwie doof an, aber hey, ich habe keine Lust mehr, mir Gedanken über dies und das und auch noch über diesen unstrukturierten, ununterhaltsamen, uninteressanten Text hier und mein angeschlagenes Ego zu machen. Und es wird auch keine Pointe kommen, keine Moral, kein Witz, nichts. Diese Kolumne endet hier. Bäh.

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