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25.7.06
Schweigen ist silber, Brabbeln ist mehr als Gold
("Ey Welt!" - Die Kolumne. Bla bla bla.)

Einige Worte kann ich wunderbar schreiben, aber nur sehr, sehr schwer aussprechen. Guerilla zum Beispiel. Kann ich super schreiben: Guerilla. Klappt prima. Beim Aussprechen klingt es dann eher, nun ja, affig. Ein anderes Wort wäre Fauxpas. Schreibt sich: Fauxpas. Wird aber nicht so ausgesprochen. Leider.

Was klappt sonst noch nicht? Französische Worte im Allgemeinen. Ich habe meine Magisterarbeit über Michel de Montaigne geschrieben, den Erfinder der Essais. Doof nur, wenn man den nicht aussprechen kann.

Kirche spreche ich »Körche« aus, Birne »Börne«. Das ist ein lokales Problem – dort, wo ich herkomme spricht man halt so.

Meine Eltern erzählten mir, dass ich schon früh angefangen hätte, zu sprechen. Brabbel. Brabbel. Brabbel. Werde vor mich hingebrabbelt haben. Irgendwas, was Babys halt vor sich hinbrabbeln. Übers Wetter. Dass früher alles besser gewesen ist. Und über Krankenversicherungsvergleiche. Und so ging das dann weiter mit dem Reden – bis heute rede ich zum Leidwesen meiner Mitmenschen viel. Brabble vor mich hin und vergesse sofort wieder, worüber ich geredet habe. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür: Reden ist wie Atmen – wenn ich nicht rede, habe ich Angst, zu ersticken. Nun ja, das ist ein Erklärungsversuch, aber keiner, der überzeugt.

Besonders, wenn ich aufgeregt bin, rede ich. Und rede. Und rede. Und rede. Versuche, meine Unsicherheit mit möglichst viel Gebrabbel zu übertünchen. Na ja, das macht alles eher noch schlimmer. Ein komischer Knopf, denken meine lieben Mitmenschen dann – und sie haben Recht damit.

Und dann sind da noch Worte, die in meinem Gehirn falsch verknüpft sind. Eine Tasse ist für mich zum Beispiel gleichbedeutend mit einem Glas, und wenn ich eine Bürste meine, könnte es auch ein Kamm sein – das alles ist jedoch glücklicherweise relativ naheliegend und deshalb auch nicht sonderlich schlimm. Schlimmer wird es, wenn man versucht, auf einer Bürste anstatt auf einem Kamm zu blasen.

Und worauf wollte ich hiermit eigentlich hinaus? Vielleicht nirgendwo hin. Vielleicht wollte ich mich selbst beim Denken beobachten und merken, dass nichts Anständiges dabei herauskommt. Montaigne, dieser Mensch mit dem Namen, den ich lieber nur schreibe und nicht ausspreche, hat das auch gemacht – sich selbst beim Denken beobachtet. Mit dem Unterschied, dass bei ihm etwas Wunderbares herausgekommen ist, seine Essais nämlich. Seine Versuche, sich selbst beim Denken zu beobachten.

Er wird ebenfalls ein Vielsprecher gewesen sein, dieser werte Herr mit dem französischen Namen. Brabbelte – aber in französischer Sprache. Ob ihm deutsche Worte schwer gefallen sind, auszusprechen? Und was mache ich? Schreibe darüber, dass ich Probleme mit schwer auszusprechenden Worten habe. Und ansonsten? Wie wunderbar ich diesen unaussprechlichen Herrn mit seinen Essais finde. Diesen besonderen Brabbler. Ich werde jetzt noch ein wenig sprechen üben. Ist schon seltsam, wie schwer es mir mit einigen Worten fällt.

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